Die Parkbank

Der Frühnebel wurde sanft von den Sonnenstrahlen des Morgens vertrieben. Ich stand da, wo man im Park genau auf den Fluß sehen konnte. Rechts und links von mir waren Bäume. In der Ferne tummelten sich wenige Menschen, die noch zu dieser frühen Stunde joggen wollten. Ich setzte mich auf die Parkbank, die direkt vor mir stand. Wie schön war das Glitzern des Wassers in der Sonne!

Hätte ich mich doch nur nicht so einsam gefühlt. Der Soundtrack meines Lebens fühlte sich an wie ein Moll – Stück von Mahler oder das Adagio von Samuel Barber. Dabei mochte ich doch auch Jazz recht gern! Ja, wie wäre es wohl, wenn meine Lebensmelodie jazzig wäre?

Mein Bein schmerzte wieder. Es war ein auszuhaltender Schmerz. Ein ärgerlicher Schmerz, aber keiner, der mir den schönen Morgen verderben konnte. Chronische Schmerzen sind einfach ein Elend. Die Gesunden, wie ich alle Menschen ohne chronische Erkrankungen nannte, wussten gar nicht, wie gut es ihnen ging.

Ein Vogel landete vor mir auf dem Boden. Er sah sich keck um und suchte wohl nach einem Wurm, fand aber keinen. Er sah klein und einsam aus. Vielleicht projezierte ich meine Befindlichkeit aber auch nur auf den kleinen Vogel. Mein Gott, mein Psychiater, Dr. Rogers, hätte seine Freude gehabt. Ich identifizierte mich mit einem kleinen Vogel!

Eine junge Frau lief auf meine Parkbank zu, setzte sich hin. Sie trug Ohrstöpsel, atmete schwer, woraufhin sich natürlich ihre Brust hob und senkte. Es war wie in einem billigen Liebesroman und ich spann die Gedanken weiter.

„Entschuldigen sie, haben sie ein Kaugummi?“

„Ja, ich habe tatsächlich ein Kaugummi. Hier. Woher kommen sie?

Aber sie hatte Ohrstöpsel in ihren Ohren. Ich sprach einfach trotzdem, wollte Dr. Rogers stolz auf mich machen, wenn ich ihm von diesem kleinen Experiment erzählte.

„Wollen wir irgendwo einen Kaffee trinken gehen?“ rief ich sie an. Sie zog einen Stöpsel aus dem Ohr. „Sorry? Kaffee? Ne, danke, trinke nur Wasser.“

„Aber …ich kann Ihnen auch ein Wasser ausgeben!“

„Sie wollen ja nur mit mir im Bett landen. Danke nein. Tschüß Opi!“

Dann lief sie weg.

Ich betrachtete das glitzernde Wasser.

„Opi“, sagte ich vor mich hin. „Was denkt sie, wer ich bin? Ich bin 48, nicht 480!“ Es beschäftigte mich noch sehr, aber ich lobte mich dafür, sie angesprochen zu haben. Dr. Rogers hätte jetzt einen Grund, mir weiterhin zu sagen: „Warten sie es doch einfach ab, das wird schon!“ Mir war natürlich klar, dass Rogers für mich log und nett war. Das war an sich schrecklich, aber ich mochte es. Es hielt mich manchmal aufrecht.

Eine ältere Dame setzte sich neben mich. Ihre verwässerten, blauen Augen waren sicher einmal wunderschön gewesen. Überhaupt konnte ich in ihr das schöne Wesen entdecken, dass sie einmal gewesen war.

„Darf ich ihnen eine Frage stellen?“

„Gewiss doch, junger Mann!“

Junger Mann! Die Frau hatte jetzt schon einen Pluspunkt bei mir gewonnen.

„Warum ist es heute so schwierig, eine Frau kennenzulernen.“

Die Frau sah mich nachdenklich an, schaute an mir hinauf und herab, dann setzte sie sich etwas zurück, fasste dabei ihre Handtasche wie ein Kind einen Teddy greifen würde, wenn es etwas möglicherweise „Verbotenes“ sagen wollte, aber dann sagte sie es:

„Veränderungen, wenn sie mich fragen. Früher konnte man jemanden beim Tanz-Tee kennenlernen, später in der Disco. Aber diese Zeiten sind vorbei. Der Kommerz hat alles im Griff. Die Partnerschaftsportale im Internet zum Beispiel. Hauptsache Geld verdienen – mit allen Bedürfnissen dieser Welt. Das haben wir vom totalen Kapitalismus.“

„Sind sie links eingestellt?“ fragte ich sie und sie lachte herzlich.

„Links und jüdisch bin ich auch.“ lachte sie herzlich.

Wir lachten beide, obwohl ich gar nicht so recht verstand, warum. Es war vermutlich ihre heitere Art, die sie sich im hohen Alter noch bewahrt hatte.  Dann sah sie flüchtig auf ihre Uhr.

„Ich muss nun leider weiter. Ein Arzttermin…“

Ich wünschte ihr einen schönen Tag.

Dann stand ich auf und ging zum Ufer des Flusses. Die Sonne war nun höher gestiegen und begann heiß auf die Erde hinabzuscheinen. Der Verkehr in der Ferne war lauter geworden. Ich konnte Autos sehen, die scharenweise an die Ampeln fuhren und dann weiter, immer weiter. Ich pfiff vor mich hin, wobei ich an die lebensfrohe Dame dachte, mit ihrer linken Einstellung.

Dann setzte ich mich wieder auf die Bank. Eine Weile setzte sich niemand mehr dazu.

Es mochte so gegen 13 Uhr gewesen sein als ein Schuljunge kurz auf der Bank Platz nahm. Er mochte so 12 Jahre alt sein. Er war dunkelblond, leicht untersetzt und hatte ein schönes, pfiffiges Gesicht.

„Sag mal, darf ich dich was fragen.“

„Fragen sie doch“, sagte er.

„Ist es in deinem Alter auch schwer, eine Fr… ein Mädchen kennenzulernen?“

Der Junge wurde rot und starrte auf den Fluß. Dann stand er schnell auf und ging zehn Schritte weiter, ehe er sich umdrehte und sagte: „Erstens soll ich nicht mir Fremden reden und … ja na klar ist das schwierig. Wenn man ihnen sagt, dass man sie mag, sind sie gekränkt, wenn man es nicht tut auch.“

Dann ging er schnell weiter.

Vielleicht hatte er ja Recht. Aber waren alle so?

Ich unterbrach den Tag indem ich den Park kurz verlies und mir einen Hamburger kaufte. Nicht gesund, aber jetzt genau richtig. Dann kam ich zurück zur Bank und sah schon aus der Ferne, dass sich ein Pärchen in den zwanzigern darauf gemütlich eingerichtet hatte. Sie küssten sich leidenschaftlich und hemmungslos. Ich war voller Neid und Faszination. Mein Gott, dass musste so schön sein!

Dann sahen sie zu mir herüber.

„Geh weg, du alter Spanner!“ rief der Mann. Ich ging und streunerte noch etwas länger über den Park. Wie vielen Menschen ich da begegnete! Müttern mit Kinderwagen, Leute in Rollstühlen, Anzugträger und immer wieder Jogger. Ich kehrte in einem kleinen Kaffee ein, dass sich gegenüber dem Parkeingang befand.

Direkt als ich es betrat, bezog sich der Himmel und es begann zu regnen. Mir fiel gleich die Frau direkt am Nebentisch auf. Sie trug ihre schwarzen Haare zu einem Pferdezopf gebunden und sah immer wieder unschlüssig zum Fenster.

„Darf ich ihnen etwas ausgeben?“ fragte ich sie.

Sie sah mich verwirrt an, meinte dann distanziert, aber nicht unfreundlich: „Nein, danke. Mein Bus kommt jeden Moment.“

Ich nickte und bestellte einen Kakao.

Ihr Bus kam rasend schnell. Das Wetter wurde wieder sonnig und ein Regenbogen erschien am Himmel, der wirklich beeindruckend aussah. Vielleicht, dachte ich, würde er bedeuten, dass ich nun die richtige Frau für mein leben finden würde?

Ich ging wieder zurück zu der Parkbank. Sie war abermals leer. Der Himmel wurde schon etwas dunkel, ich konnte sogar den Mond schon entdecken, obwohl es erst später Nachmittag war. Nun setzte sich abermals eine Frau neben mich. Auch sie trug ihre Haare zu einem Pferdeschwanz, aber sie hatte blonde Haare. Ich sagte nichts, sie auch nicht. Ich genoss diese Ungewissheit und die damit verbundene Möglichkeit, keinen Korb zu bekommen.

ENDE

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