Fahrenheit 451 (Film)

von Ray Bradbury (1920 – 2012),

verfilmt von Francois Truffaut (1932 – 1984)

Im Wesentlichen geht es in dem Film von 1966 um eine Dystopie. Diese Dystopie regt dazu an, unsere heutige Zeit einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Was davon ist eventuell eingetreten? Tatsächlich kann man sagen: Alles! Nur nicht unbedingt gleichzeitig und überall auf der Welt.

Im Mittelpunkt der Verfilmung – der natürlich auf dem Roman von Bradbury basiert und von diesem selbst gelobt wurde – steht ein Mann namens Montag, genauer „Guy Montag“ (gespielt von Oscar Werner, 1922 – 1984). Montag heißt er auch im Original. Somit ist er wohl neben Robinson Cruosoe´s „Freitag“ der einzige mit einem Wochentag belegte Charakter. Wäre es zu viel vermutet, dass ihn dieser Umstand selbst als eine literarische Figur in der fiktionalen Realität des Romans / Films darstellen soll? Er, der „Feuerwehrmann“, der Bücher vebrennt, in denen solche Figuren vorkommen, würde dann von Anfang an symbolisch gegen sich selbst kämpfen. Aber das ist nur eine vage und vielleicht zu weit hergeholte Annahme.

In jedem Fall ist Montag in dieser dunklen Zukunftsvision ein sogenannter „Feuerwehrmann“. Hier legen diese – vom Staat dazu animiert – Brände statt sie zu löschen. Auch dies verleitet zu einem Gedankenspiel: Der Staat kann die eigentliche Funktion ihrer Bediensteten umkehren, wenn die Staatsform sich dafür ausspricht: Aus Polizisten werden damit eher Bewacher als Beschützer der Bürger, Soldaten kämpfen nicht mehr für den Erhalt des Friedens, sondern ziehen in den Angriffs-Krieg. Ebenfalls spannend: In jener Gesellschaft spricht man nicht über „Krieg“. Man umschreibt dieses Wort, damit man es nicht verwenden muss, was eindeutig die manipulative Eigenschaft der nie klar definierten Staatsform in „Fahrenheit 451“ widerspiegelt.

Aber die Feuerwehrmänner legen nicht unwillkürlich Brände, sondern gezielt. Ihr Ziel ist es, alle Bücher, die es gibt, zu tilgen. Und warum das? Der Feuerwehr-Captain Beatty meint, Bücher würden nur für Unfrieden sorgen. Sie würden unrealistische Weltsichten bieten und damit die Menschen verwirren. Überhaupt seien die meisten Bücher nur geschrieben worden, damit der Autor sich mit ihnen wichtig tun konnte. Die Philosophen wären die Schlimmsten, da sie sich nie einigen konnten, wer eigentlich Recht hat. In einer Staatsform, in der nur eine Meinung / Sichtweise erlaubt ist, müssen die Philosophen natürlich absurd wirken…

Der Film zielt meiner Meinung nach aber besonders darauf ab, dass Emotionen unerwünscht sind. Ich werde dies nun anhand von Beispielen belegen.

„Wandtafeln“ – unseren LED – Fernsehern nicht unähnlich – „müllen“ beispielsweise den ganzen Tag die Frau von Montag, Linda Montag, mit nichtigen, dummen Sendungen zu. Die Personen in den Fernsehspielen sprechen von sich als Teil der großen Familie, dem auch alle Zuschauer angehören. Die Inhalte sind leer und allenfalls verwirrend, wie sich früh im Film zeigt, als Linda eine Sprechrolle, die sie von zu Hause aus ausfüllen kann, übernimmt. Sie muss auf Fragen antworten. Dabei geht es um ein seltsames „Problem“, dass an „Big Brother“ und „Lindenstraße“ oder „Bauer sucht Frau“ etc. erinnert. In einem Haus müsste man die „Fernseh-Familie“ unterbringen. Aber in welchen Zimmern? Linda muss jeweils die richtige Antwort geben.

Nicht nur diese recht simpel gestrickten TV-Sendungen lenken die Masse ab, sondern auch Tabletten für jede Situation. Die Sanitäter, die Linda eines Tages den Magen ausspühlen (was glücklicherweise nicht direkt gezeigt wird), meinen, das käme laufend vor, das die Leute mehr Tabletten als vorgesehen nehmen – oder in einer ungünstigen Zusammenstellung. Während Montag von diesem Vorfall – er fand sie zuvor bewustlos in der Wohnung wieder und fürchtete um ihr Leben– erschüttert ist, kehrt Linda schon am nächsten Morgen wieder zum Alltag zurück. Und der besteht nur aus Modetrends und Small Talk (sowie aus Sex, der vermutlich ebenfalls auf Tabletten basiert, nicht auf ein Empfinden von Liebe). Tiefere Gespräche sind mit ihr nicht möglich. Versucht Montag eine sinnträchtige Konverstion zu führen, wehrt sie ab und fühlt sich schnell überfordert. Ehe es jedoch zu einem Streit kommt, wird ein neuer Bildschirm, direkt am Bett, eingeschaltet, um sich von der Realität abzulenken. Darauf von Montag angesprochen, wie sie sich kennengelernt haben, kann sich Linda nicht mehr daran erinnern.

Dann ist da noch Clarisse, wie Linda von Julie Christie (1940 geb.) gespielt, die Lehrerin, die von einem Komitee zu ihrer Lehrerinnen-Tätigkeit befragt wurde und nun fürchtet, die falschen Antworten gegeben zu haben. Sie spricht Montag eines Tages in der Freischwebebahn an. Einfach so, weil sie in ihm, der als Feuerwehrmann erkennbar ist, mehr sieht als das, was er so offensichtlich ist. Sie fragt ihn, ob er mal ein Buch gelesen hat, von denen, die er verbrennt. Zu diesem Zeitpunkt kommt ihm das absurd vor, aber letztlich siegt die Neugier. Dazu später mehr.

Wesentlicher ist, dass sich Montag zu ihr hingezogen fühlt, weil sie tiefsinniger ist als seine Frau. Sie lebt wirklich statt nur dahin zu vegetieren. Sie treffen sich ein zweites Mal und da ist sie unglücklich, weil sie nun wirklich – scheinbar ohne Grund – nicht mehr in der Schule arbeiten darf. Sie versteht das nicht. Die Kinder sollen lernen, aber bei ihr hätten sie dazu auch noch Spaß gehabt und das sei nicht gerne gesehen. Montag macht ihr Mut und letztlich gehen sie gemeinsam in jene Schule, in der die Kinder, denen sie begegnen, nun plötzlich Angst vor ihr zu haben scheinen und vor ihr davon laufen, während aus den Klassenräumen im Chor Zahlen aufgesagt werden. Diese Einstellung ist merkwürdig, fast surreal. Die Lehrerin bekommt – offenbar von einer streng dreinblickenden Frau, die durch einen Türschlitz schaut – ein Paket zugeschoben, über den Boden des Flurs , und allen (auch dem Zuschauer) ist klar, dass sie endgültig von der Schule geflogen ist, ohne das auch nur ein Wort darüber gesprochen wurde.

Die Erklärung, dass „Spaß haben“ beim Lernen in dieser Gesellschaft nicht erwünscht ist, belegt meiner Meinung nach, dass Emotionen generell nicht erwünscht sind. Zusätzlich zu dem Verhalten von Montags Frau.

Insgesamt kann man also sagen, dass die Menschen in dieser Gesellschaft von Kindesbeinen an dazu erzogen werden, in den Staat zu passen. In diesem Fall heißt das: Nichts empfinden, nicht zu viel nachdenken, sich ablenken, notfalls mit Drogen die eigenen Emotionen zu unterdrücken. Man darf sich nicht selbst fühlen, man soll einfach der Doktrin folgen. Nicht mal, welche das eigentlich ist, darf gefragt werden. Die Menschen werden dazu angehalten, sich auf einem Level zwischen Glücklich sein und Traurig sein zu halten, eben neutral. Sie vegetieren dahin

Bücher können diesen Zustand verändern. Als Montag eines Tages heimkehrt und Linda mit ihren Freundinnen vor dem TV – Gerät antrifft, schaltet er es wütend aus. Er hatte einen schrecklichen Tag: Er musste mit ansehen, wie sich eine Bücher-Besitzerin mit ihren Büchern verbrannte! Die Bücher seien ihre Freunde, meinte sie. „Ich sterbe, wie ich gelebt habe!“ zitiert sie sinngemäß Oscar Wilde: Ich sterbe, wie ich gelebt habe – über meine Verhältnisse!“, bevor sie sich anzündet und in den Flammen umkommt.

Nach diesem Vorkommnis kommt Montag also nach Hause und ist verständlicher Weise aufgewühlt. Als er dann im Fernsehen hört, dass „asoziale Nester“ durch die Gemeinschaftsaktion „melde den, der dich verrät“ aufgespürt wurden, was als „einer der größten Erfolge der letzten Zeit“ zu sehen sei, schreit er: „…weil eine alte Frau es vorzog lieber mit ihren Büchern verbannt zu werden als sich von ihnen zu trennen!“ Es entsteht ein Disput, da die Damen von Montags Verhalten stark irritiert sind. Dieser reagiert zunächst mit den Worten: „Ihr seid alle schwachsinnig. Sogar eure Männer, die ihr nicht mal mehr kennt. Ihr lebt nicht, ihr schlagt nur die Zeit tot.“

Als die Gäste daraufhin gehen wollen, zitiert er „David Copperfield“:

»Es kann kein größeres Mißverhältnis in einer Ehe geben als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter.« usw.

Eine der Anwesenden beginnt daraufhin zu weinen, was eine andere dazu verleitet zu sagen: „Ich wusste ja, das es so kommen würde … Romane sind Selbstmord, Weinkrämpfe, Elend und Krankheit!“

Ich will das Ende des Film nicht verraten, falls ihn jemand noch nicht gesehen hat, doch sei so viel verraten, dass Montag – wie der Phoenix, das Zeichen der Feuerwehrmänner – in gewisser Weise aus dem Feuer ersteht und wirklich leben wird.

Abschließende Gedanken.

Die bekannteste Bücherverbrennung ist wohl die von 1933, wobei der Feuerwehr-Captain Beatty im Film ironischer Weise auch Hitlers „Mein Kampf“ verbrennen will. „Ja, auch dieses Buch“, sagt er. Die Welt von „Fahrenheit 451“ ist anti-demokratisch. Sie erlaubt keine Mehrzahl an Meinungen und Meinungen werden durch Bücher repräsentiert. Manchen Orts auf dieser Welt werden Autoren politisch verfolgt, aus eben jenem Grund.

Bücher verändern die Perspektive, regen zum Nachdenken an. Gedanken beeinflussen unsere Gefühlswelt. Sich in andere Personen hineinzuversetzen erweitert unseren Horizont.

Aber, so könnte man kontern, kann das ein Film nicht auch? Nun, ich denke, wenn ein Francois Truffaut sich eines Werks der Weltliteratur annimmt, vermutlich schon. (Ich werde mir das Original-Buch noch vornehmen und kann dann eines Tages hier einen Vergleich ziehen zwischen Buch und Film. )

Man könnte jedoch im Gegenzug meinen, dass selbst in Deutschland, einem der größten Demokratien der Welt, eine geheime Diktatur herrscht: Die des harten Konsums. Schon Kinder werden mit Werbung im Minutentakt bombardiert. Ehe sie beginnen können, zu reflektieren, sollen sie schon lernen, das Neueste kritiklos kaufen zu wollen, während die wenigsten Eltern noch Zeit haben, das Reflektieren ihren Kindern beizubringen. Weil sie arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, was oft nur noch möglich ist, wenn beide beruflich aktiv sind.

Der TV-Alltag sediert dabei zusätzlich die Menschen, weil man bei dessen Konsum so angenehm wenig sich selbst und seinen Alltag wahrnehmen muss: Ist es nicht schön, sich über die Möchtegern-Stars im Fernsehen aufzuregen? Wenn sie sich zum Narren machen, erhöht es einen scheinbar selbst, wenn sie einen Durchbruch schaffen, erlebt man ihn scheinbar mit, aber nie er-lebt man (sich) selbst wirklich.

Ist es ein Wunder, dass in einer Konsumgesellschaft, die bestrebt ist, uns davon abzubringen, zu hinterfragen und ermutigt, kritiklos zu kaufen, bis der Geldbeutel leer und das Konto überzogen ist, Zivilisationskrankheiten ständig mehr werden? Geld allein oder Besitz allein macht eben nicht glücklich und viele Krankheiten basieren darauf, dass die Menschen sich und ihre tatsächlichen Bedürfnisse nicht mehr spüren können. „Zum Glück“ gibt es schnell verschriebene Tabletten für Menschen mit solchen Zivilisationskrankheiten, wie Burnout und Depression: Genau hier jedoch zeigt sich, inwiefern der Film / Roman „Fahrenheit 451“ sogar in unserem Land wahr wurde!

Aus Arabien soll der Spruch stammen: „Bücher sind Nahrung für die Seele“. Die Aufklärung gab uns den schönen Ausspruch: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Ja, Worte haben eine große Macht! Vielleicht wird es Zeit, für eine neue Renaissance? Oder eine sich immer wieder erneuernde Rennaissance?

Glücklicherweise leben wir in einem Staat, in dem – bei allem Konsum – frei gedacht werden darf. Bücher können gelesen, Meinungen offen abgegeben werden. Ich muss nicht davon ausgehen, verfolgt zu werden, weil ich schreibe, was ich denke. Wenn der Film mir eine Erkenntnis unerwartet geschenkt hat, dann die, dass ich einen guten Grund habe, die Demokratie in der ich lebe, wertzuschätzen.

Der Film „Fahrenheit 451“ bewegt und ermuntert zu dem, was der Feuerwehr-Captain im Film fürchtet: Nachzudenken. Etwas, was in Zeiten von Schnellschüssen via Twitter und Co. vielleicht wirklich wieder etwas mehr „in Mode“ kommen sollte.

Ein genialer Film, der noch lange nach dem Abspann in mir nachklingt.

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