{"id":1140,"date":"2019-03-06T09:57:25","date_gmt":"2019-03-06T08:57:25","guid":{"rendered":"http:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1140"},"modified":"2019-03-06T10:07:39","modified_gmt":"2019-03-06T09:07:39","slug":"der-unsichtbare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1140","title":{"rendered":"Der Unsichtbare"},"content":{"rendered":"<p>Von oben sah es so aus als wenn viele tausend Farbtupfer \u00fcber eine Fl\u00e4che liefen. N\u00e4her betrachtet waren es viele tausend Menschen, ein jeder mit seinen Eigenschaften, die durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone von Oldville liefen. Eine grauhaarige, geb\u00fcckt gehende Frau mit Kopftuch, ein smarter Bankangestellter im Anzug, der blank polierte schwarze Schuhe trug und wirkte als wenn ihm die Welt geh\u00f6re, eine Gruppe junger T\u00fcrken, die sich lautstark unterhielten, Kinder, die von ihren Eltern \u00fcber einen Stra\u00dfen\u00fcbergang gezerrt wurden, ein Stadtstreicher, der all sein Hab und Gut in einer gro\u00dfen Tasche mit sich herum trug und dann war da noch Sam. Er stach nicht sonderlich aus der Menschenansammlung hervor. Selbst von weit oben h\u00e4tte er eher wie ein grauer Fleck als wie ein farbiger Tupfer gewirkt.<\/p>\n<p>Als Kind hatte er die Kunstfertigkeit erlernt, sich unauff\u00e4llig zu verhalten. Er \u00f6ffnete T\u00fcren so leise, dass man sie nicht h\u00f6ren konnte und wenn er in der N\u00e4he war, fiel er nicht auf. Niemand sah auf, wenn er einen Raum betrat. Das war eine beachtliche Leistung, denn er war fast zwei Meter gro\u00df und wog \u00fcber 120 Kilogramm. Sein Gesicht wies trockene, r\u00f6tliche Flecken auf, er hatte Schuppenflechte. Er f\u00fchlte sich wenig attraktiv und mied die Blicke der Anderen, denen er vielleicht w\u00fcrde anmerken k\u00f6nnen, dass sie ihn ebenfalls f\u00fcr wenig attraktiv oder sogar h\u00e4sslich hielten.<\/p>\n<p>Tief in Sam gab es einen Abenteurer, ja, einen Romantiker. Er hatte ein gutes Herz, liebte Kinder und betrachtete den Zynismus vieler anderer Erwachsener mit Befremdung. Irgendwie f\u00fchlte er sich nie so ganz als wenn er in diese Welt geh\u00f6re. Am Meisten wurde ihm das bewusst als er wieder einmal unerwartet auf ein verliebtes P\u00e4rchen blickte, dass Hand in Hand durch die Stadt ging. Sorglos wirkten sie, wie sie da lang schlenderten, sich anl\u00e4chelten, k\u00fcssten und wieder weiter gingen. Dieser Anblick erzeugte in Sam schon lange keinen Neid mehr, sondern Niedergeschlagenheit, Traurigkeit. Obwohl er so viel zu geben hatte, war er schon in der Schule immer der Typ gewesen, den sich die Frauen als \u201ebesten Freund\u201c aussuchten, rein platonisch eben. Ob es ihm nun gefiel oder nicht, das war nun mal sein Schicksal, wie er sich immer wieder sagte.<\/p>\n<p>Diese Gedanken erzeugten in ihm eine unfassbare K\u00e4lte, weshalb er auf dem Weg zu seiner Arbeitsst\u00e4tte \u2013 er arbeitete als Schreibkraft bei einem Anwalt \u2013 noch einmal kurz beim Konditor reinschaute und sich ein paar Rumkugeln g\u00f6nnte. \u201eDas ist mein Frust-Essen!\u201c, hatte er mal seiner Mutter erz\u00e4hlt. \u201eDie Leute k\u00f6nnen gut reden, wenn sie sich in einer gl\u00fccklichen Beziehung befinden.\u201c Seine \u00fcbergewichtige Mutter ma\u00dfregelte ihn dann oft, weil er \u201eso dick wie er ist, nie eine Frau finden w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht hatte sie ja recht. Andererseits war er ja sowieso unsichtbar. Da war es egal.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Stunden in der Anwaltskanzlei Morris verliefen relativ ereignislos. Er musste ein paar \u00fcbliche Protokolle vom Diktierger\u00e4t abschreiben. In der Mittagspause hatte er entschieden im B\u00fcro zu bleiben, wobei er merkte, dass sein R\u00fccken etwas schmerzte.<\/p>\n<p>Als er das B\u00fcro verlies war es bereits dunkel. Ein leichter Regen hatte eingesetzt, es war k\u00e4lter geworden. Sam entschied sich \u2013 seinem R\u00fccken zur Liebe \u2013 zu Fu\u00df zu gehen. Als er in die Stra\u00dfe einbog, die direkt zu seiner Wohnung f\u00fchrte, sah er, wie eine Frau von zwei M\u00e4nnern bedroht wurde. Sie schubsten sie hin und her. Sein Herz machte einen Satz. Wie ihm geschah, wusste er selbst nicht, aber er sah sich sozusagen zu, wie er auf die Gruppe zuging und die beiden M\u00e4nnder mit grollender Stimme anschrie. \u201eLasst sie in Ruhe! Haut blo\u00df ab!\u201c rief er. Und die M\u00e4nnder trollten sich, Angst in ihren Augen. Die h\u00fcbsche Frau hatte lange braune Haare und ebenso braune Augen. Sie l\u00e4chelte Sam unwiderstehlich an, wobei sich\u00a0 ihre Nase niedlich kr\u00e4uselte. \u201eDanke!\u201c sagte sie. \u201eDie h\u00e4tten wer wei\u00df was mit mir gemacht.\u201c \u201eKein Problem\u201c, sagte Sam. \u201eWollen wir zu mir gehen? Auf den Schrecken k\u00f6nnen sie sicherlich&#8230;\u201c<\/p>\n<p>In diesem Moment kam Anwalt Morris wieder aus der Mittagspause zur\u00fcck und Sam schrak aus seiner Tragtr\u00e4umerei auf, wobei er ein Glas Wasser umsties. Morris erschrak. \u201eIch hatte gar nicht gemerkt, dass sie da sind!\u201c<\/p>\n<p>Als Sam wirklich heimkehrte, begegnete ihm keine Frau, die ihn bemerkt h\u00e4tte. Er ging die Stufen zu seiner Wohnung hoch, nachdem er ein paar Mahnungen und Werbung aus seinem Briefkasten genommen hatte. Dann schloss er hinter sich die T\u00fcr. Er w\u00e4rmte seine Suppe von gestern auf, dann lies er sich, ohne das Licht einzuschalten, in seinen Sessel fallen und blickte in die triste Dunkelheit seines Wohnzimmers.<\/p>\n<p>Ein weiterer ereignisloser Tag im Leben eines Unsichtbaren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von oben sah es so aus als wenn viele tausend Farbtupfer \u00fcber eine Fl\u00e4che liefen. N\u00e4her betrachtet waren es viele tausend Menschen, ein jeder mit seinen Eigenschaften, die durch die Fu\u00dfg\u00e4ngerzone von Oldville liefen. 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