{"id":1187,"date":"2019-03-22T20:49:46","date_gmt":"2019-03-22T19:49:46","guid":{"rendered":"http:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1187"},"modified":"2019-03-22T21:33:42","modified_gmt":"2019-03-22T20:33:42","slug":"vertrauen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1187","title":{"rendered":"Vertrauen"},"content":{"rendered":"<p><em>Manchmal bedeutet Leben den Mut aufzubringen,<\/em><br \/>\n<em>Schritte ins Leere zu setzen, <\/em><br \/>\n<em>einfach, weil man glaubt.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1<\/strong><\/p>\n<p>Die Frau stand dort und l\u00e4chelte. Es war ein sonniger Tag. Die Wellen ergossen sich im Atem der See \u00fcber den Strand. Ihr Schal schlingerte im leichten Wind. Es war ein blass \u2013 blauer Seidenschal. Sie trug eine Sonnenbrille. Alles wirkte so nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p>Der Fotograf rief: \u201eJa, noch mehr l\u00e4cheln, denke an etwas sch\u00f6nes! Gut so. Ja, perfekt, jetzt noch etwas von der Seite!\u201c<\/p>\n<p>Die Frau setzte ihre Sonnebrille ab. Die Fotosession war vor\u00fcber. Die Falten zeigten ihre Ersch\u00f6pfung. Sie lies sich auf den Sand fallen. Ilona, eine kleine dicke Frau in einem viel zu engen lila-farbenen Kleid, kam zu ihr. Ilona hatte das Down-Syndrom. Sie war ihre Tochter. \u201eDir fehlt etwas!\u201c sagte sie. \u201eDu bist ungl\u00fccklich!\u201c Dabei streichelte sie den Arm ihrer Mutter. Jetzt l\u00e4chelte die Frau wirklich. Eine Tr\u00e4ne rollte \u00fcber ihre Wange als sie Ilona ansah.<\/p>\n<p>\u201eDu bist wunderbar.\u201c sagte sie zu ihrer behinderten Tochter, die zur\u00fcck l\u00e4chelte.<\/p>\n<p>Der Fotograf kam auf die Frau mit der Sonnenbrille zu. Er trug einen schwarzen Vollbart und lange Haare. Sein K\u00f6rper war schlank, wenn auch nur etwas durchtrainiert.<\/p>\n<p>\u201eHier ein erster Druck. Das wird nat\u00fcrlich besser, wenn ich es bearbeitet habe.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau nahm die Fotos in ihre H\u00e4nde und sah sie desinteressiert an. Eines jedoch erfeute. Ilona hatte sich auf dem Bild im Hintergrund verirrt.<\/p>\n<p>\u201eOh, sorry, das kommt nat\u00fcrlich weg.\u201c meinte der Fotograf.<\/p>\n<p>\u201eKann ich es behalten?\u201c fragte die Frau und es schwang ein tiefer Wunsch in ihrer Frage mit.<\/p>\n<p>\u201eJa, klar\u201c, sagte er Fotograf.<\/p>\n<p>\u201eDanke.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Blicke trafen sich und erweckten in dem Fotografen etwas. Vielleicht den Wunsch, seiner Sehnsucht zu folgen, es endlich zu wagen.<\/p>\n<p>\u201eKaffee trinken? Heute abend?\u201c fragte er, wobei sein ganzer K\u00f6rper angespannt wirkte.<\/p>\n<p>Die Frau l\u00e4chelte abermals. Entschuldigend, das sah er gleich.<\/p>\n<p>\u201eIch muss mich heute Abend&#8230;.&#8220; begann die Frau und verbesserte dann ihre Worte: &#8222;Ich bin bei Ilona.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGeh ruhig!\u201c sagte Ilona, die immer noch neben ihrer Mutter sa\u00df und dem Gespr\u00e4ch gefolgt war. \u201eDer Mann will dich k\u00fcssen!\u201c Sie lachte und klatschte in die H\u00e4nde. Der Fotograf wurde rot. Die Frau musste ein Lachen unterdr\u00fccken. Sie sah etwas verlegen zu Boden. Dann sah sie auf.<\/p>\n<p>\u201eBei mir. Heute abend. 19 Uhr. Wir k\u00f6nnen uns Pizza bestellen. Nur essen und trinken. Mehr nicht. Und sie&#8220;, dabei nahm sie den Arm ihrer Tochter und streichelte ihn, &#8222;ist auch da!\u201c sagte sie nun bestimmt und deutete mit ihrem Blick auf Ilona.<\/p>\n<p>\u201eIn Ordnung!\u201c war die erleichterte Antwort des b\u00e4rtigen Fotografen. \u201eFantastisch!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2<\/strong><\/p>\n<p>Die Frau fasste mit ihrer rechten Hand an ihre linke Schulter. Ihr Oberteil war schulterfrei und sie hatte nicht damit gerechnet, dass es abends so k\u00fchl werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eEs ist wundersch\u00f6n hier.\u201c sagte Sam, der Fotograf und erschien hinter ihr auf dem Balkon. Sie sahen direkt \u00fcber die D\u00fcnen bis aufs Meer, das bis hier hin zu h\u00f6ren war. Ein r\u00f6tlicher Himmel wurde langsam dunkel. Erste Sterne erschienen zaghaft am Firmament. Weit in der Ferne sammelten sich einige Wolken.<\/p>\n<p>Er r\u00fcckte n\u00e4her an die Frau heran und k\u00fcsste sie. Sie wehrte sich nicht. Sie lies den Kuss zu, ohne ihn zu begr\u00fcssen, ohne ihn abzuwehren. Diese Unentschlossenheit irritierte Sam.<\/p>\n<p>\u201eEtwas ist falsch, oder?\u201c fragte er.<\/p>\n<p>Sie sah besorgt auf den Tisch im Inneren der Wohnung, der vor der Balkont\u00fcr stand. Kerzen waren dort noch entz\u00fcndet, die Pizzapackungen lagen herum, Reste von Getr\u00e4nken.<\/p>\n<p>\u201eJa.\u201c sagte sie. \u201eViel ist falsch.\u201c<\/p>\n<p>Er sah sie verletzt an, was nicht unbemerkt an ihr vorbei ging.<\/p>\n<p>\u201eEs liegt nicht an dir!\u201c beeilte sie sich zu erkl\u00e4ren. \u201eEs ist diese Welt. Alles m\u00f6gliche in dieser Welt ist falsch. In der gro\u00dfen und auch in meiner kleinen Welt.\u201c<\/p>\n<p>Dann seufzte sie.<\/p>\n<p>Sie ging hinein, setzte sich auf den Platz Ilonas, die bereits im Bett lag und schlief. Sam setzte sich auf ihren Stuhl, ihr schr\u00e4g gegen\u00fcber und nahm, er konnte es kaum glauben, ihre Hand in seine Hand. Dann sah er ihr ermunternd in ihre Augen. Also erz\u00e4hlte sie weiter: \u201eDieses ganze Leben ist ein einsamer Ort.\u201c sagte sie. \u201eIch glaube nicht, das wir je ganz begreifen werden, worum es hier geht. All das!\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas meinst du?\u201c fragte Sam und es war ihr klar, dass er echtes Interesse daran hatte, sie zu verstehen. Es ging ihm um mehr als darum, sie ins Bett zu bekommen oder etwas in der Art.<\/p>\n<p>Ihr Blick streifte den unordentlichen Tisch.<\/p>\n<p>\u201eSeh dir das hier an. So ist mein Leben. Ich begann einmal als Kind, das war der leere Tisch. Ich war damals noch frei von Vorurteilen. Ich hatte eine beh\u00fctete Kindheit, eine herrlische Zeit voller Freude, Harmonie und \u2026. alles war perfekt, obwohl es alles andere als das war. Es f\u00fchlte sich rund an, so rund, dass es gar nicht n\u00f6tig war nachzuf\u00fchlen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDann\u201c, sagte er, \u201ekam die Pizza.\u201c<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte, erfeut, dass er ihre Analogie verstehen konnte.<\/p>\n<p>\u201eGenau\u201c, sie h\u00f6rte sich kurz lachen, \u201edann kam die Pizza. Ich wurde erwachsen. Fragen stellten sich, erste Liebe. Ich habe gleich meine erste Liebe geheiratet.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWas ging schief?\u201c fragte er. \u201eAlles.\u201c sagte sie. \u201eBis auf meine Tochter.\u201c<\/p>\n<p>Sein Blick zeigte Zweifel und das Bem\u00fchen darum, sich diesen nicht anmerken zu lassen.<\/p>\n<p>\u201eDoch\u201c, bekr\u00e4ftigte sie erneut. \u201eIhre Behinderung ist mir ein Trost.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEin Trost?\u201c fragte er ungl\u00e4ubig und eine leichte, warme Windb\u00f6e kam von drau\u00dfen herein. \u201eJa, so komisch das klingt. Nachdem Jerome mit mir Schluss gemacht hatte stand meine Welt Kopf. Ilona zeigte mir, dass es nicht wichtig ist, irgendwelchen Erwartungen zu gen\u00fcgen, sondern dass das eigentliche Geschenk das Leben selbst ist und das ich so sein darf wie ich bin.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber nun verstehe ich die Analogie nicht mehr. Wenn das hier ein Gleichnis wird, k\u00e4me jetzt der unordentliche Tisch, nachdem wir unsere Pizzen gegessen haben.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiterer Windhauch wehte herein und nahm zwei Servietten mit sich, trug sie weiter in den Raum hinein. Sie ignorierten das. Am Firmament braute sich ein Gewitter zusammen, denn es zogen, immer dunkler werdende Wolken auf.<\/p>\n<p>\u201eIlona erweckte mich wieder zum Leben als ich mich tot glaubte, verlassen von Gott und der Welt. Nur \u2026 ich werde nie wieder einem Menschen Glauben schenken k\u00f6nnen. Ich vertraue nicht mehr. Niemandem. Au\u00dfer ihr. Und das ist unfair, denn sie h\u00e4tte es verdient, frei zu sein. Durch sie wurde ich wieder ein Mensch, nahm ich mich wieder als Mensch wahr. Sie ist meine St\u00fctze, auch, wenn ich sie pflege.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber du vertraust niemandem mehr?\u201c<\/p>\n<p>Sie nickte langsam und sah betr\u00fcbt in die Leere, dann folgte ihr Blick ihrer Hand, die in seiner ruhte. Sie \u00fcberlegte, sie wegzuziehen, sah ihn deutlich an. Nun zog er die seine weg, worauf sie ihren K\u00f6rper versteifte.<\/p>\n<p>&#8222;Klingt auch nicht besonders fair, finde ich. Nur weil einer mit Dir &#8230;&#8220; begann Sam.<\/p>\n<p>\u201eIch habe Angst, Sam.&#8220; schrie die Frau nun beinahe, selbst \u00fcberrascht von der Gewalt ihrere Stimme. So setzte sie ihren Satz fl\u00fcsternd fort: &#8222;Eine H\u00f6llenangst. Vor dem was passiert, wenn ich mich erneut verliebe. Ich habe Angst vor dem, was passiert, wenn ich erneut erlebe, was ich einmal erlebte. Wie kann ich jemandem, wie kann ich Dir Vertrauen schenken?\u201c<\/p>\n<p>Sam sah etwas hilflos in die Flamme der Kerze, die auf dem Tisch stand und brannte.<\/p>\n<p>\u201eGar nicht.\u201c sagte er und wunderte sich dar\u00fcber wie n\u00fcchtern das klang. \u201eDu musst mir nicht vertrauen. Aber vielleicht erlaubst du mir, dass ich deine Hand nehme und mit dir einen Schritt in die Richtung der Br\u00fccke mache, die dich vom Leben trennt.\u201c<\/p>\n<p>Sie stand wie hypnotisiert und tief im Gedanken auf und ging wieder auf den Balkon, ohne etwas zu sagen. Der Wind frischte weiter auf und eine tiefschwarze Wolke hatte sich \u00fcber dem Meer gesammelt. Sam trat hinter sie und umfing sanft ihre Taille mit seinen Armen. Sie sp\u00fcrte seine N\u00e4he, die W\u00e4rme, die wohltuend war. Sie musste an die W\u00e4rme eines Feuers denken, die alles verbrennen, aber auch an kalten Winterabenden W\u00e4rme spenden konnte.<\/p>\n<p>Ein Blitz fuhr vom Himmel ins Meer, welches immer aufgew\u00fchlter wurde. Wellen verdrehten und erhoben sich in der Ferne, um dann wieder auf die Wasseroberfl\u00e4che zu klatschen. Es h\u00f6rte sich an wie ein einziges Grollen, dass sich mit dem Ger\u00e4usch leisen Donners vermischte.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, dass du dir gerade \u00fcberlegst, ob du das zulassen willst oder nicht.&#8220; sagte Sam, wie er sie so hielt, &#8222;Glaube mir, wenn ich sage, dass es mir nicht anders geht. Ich habe auch Menschen verloren, die f\u00fcr mich alles bedeutet haben und das auf eine sehr unsch\u00f6ne Art. Ich wei\u00df, dass Menschen, gerade die, die einen lieben, schmutzige, b\u00f6se Dinge sagen k\u00f6nnen, die einen tief ins Herz treffen.\u201c<\/p>\n<p>Da drehte sie sich um und legte ihre rechte Hand auf seine linke Wange. Sie sah ihm in die Augen, tief und intensiv, bis sie genug Vertrauen aufbrachte, sich fallen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>3<\/strong><\/p>\n<p>In den fr\u00fchen Morgenstunden schien die Sonne von einem wolkenfreien Firmament durch die Scheibe der Balkont\u00fcr in das Wohnzimmer der Frau. Der Tisch gl\u00e4nzte und war leer. Sie hatten aufger\u00e4umt, bevor Sam gegangen war. Nun war er so leer wie eine Leinwand, so leer wie eine neue Seite in einem Tagebuch. Und in der Ferne hatte sich das Meer beruhigt.<\/p>\n<p>Die Frau stand dort und l\u00e4chelte. Es war ein sonniger Tag. Die Wellen ergossen sich im Atem der See \u00fcber den Strand. Ihr Schal schlingerte im leichten Wind. Es war ein blass \u2013 blauer Seidenschal. Sie trug keine Sonnenrbille. Ihre Augen strahlten, ganz nat\u00fcrlich, ganz von selbst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal bedeutet Leben den Mut aufzubringen, Schritte ins Leere zu setzen, einfach, weil man glaubt. 1 Die Frau stand dort und l\u00e4chelte. Es war ein sonniger Tag. Die Wellen ergossen sich im Atem der See \u00fcber den Strand. 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