{"id":1334,"date":"2019-06-30T20:10:08","date_gmt":"2019-06-30T18:10:08","guid":{"rendered":"http:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1334"},"modified":"2019-06-30T20:51:25","modified_gmt":"2019-06-30T18:51:25","slug":"der-junge-und-die-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1334","title":{"rendered":"Der Junge und die Frau"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die dunkelh\u00e4utige Frau sa\u00df neben dem dunkelh\u00e4utigen Jungen auf einer Bank in der Stra\u00dfenbahn. Ihre in Furchen gelegte Stirn sprach von k\u00fchler Betr\u00fcbnis, von entt\u00e4uschter Ern\u00fcchterung, von zerst\u00f6rten Tr\u00e4umen. Jeder Atemzug erinnerte sie qu\u00e4lend daran, zu leben. Jeder Herzschlag ihres warmen Herzens war wie der Hammer eines Schmiedes, der irgendetwas furchtbares schmiedete, um sie von innen heraus zu martern.<\/p>\n<p>Sie war h\u00fcbsch anzusehen. Ordentlich geb\u00fcgelte, farbenfrohe W\u00e4sche, die akkurat ihren K\u00f6rper umh\u00fcllte und den Eindruck vermittelte, sie sei perfekt. Auch der Junge wirkte so. Seine lustige M\u00fctze, die Augen trug, was so aussah als h\u00e4tte er irgendwie einen zweiten Kopf, das fr\u00f6hliche orangene T-Shirt, die kurzen blauen Hosen, das alles wirkte so normal.<\/p>\n<p>W\u00e4ren da auch fr\u00f6hliche Augen gewesen. Seine Augen waren matt. Sein K\u00f6rper mochte noch so jung sein \u2013 und er war sicher nicht \u00e4lter als 9 \u2013 aber seine Augen wirkte wie die eines alten Mannes, so m\u00fcde des immer wieder kehrenden schlechten Lebens. T\u00e4glich packte seine Mutter ihn unerwartet am Ohr, drehte es, geschickt so, dass es niemand sehen konnte, es \u201eunter ihnen blieb\u201c und unendlich schmerzte. Dann zischelte sie fiese Gemeinheiten in sein kleines Ohr, direkt in seine m\u00fcde Seele.<\/p>\n<p>Die Ursache mochte ein versp\u00e4teter Zug, eine sauer gewordene Milch oder ein auf dem Boden zerscheltes, alter Senfglas sein, welches sie als Trinkglas verwendeten. Selbst wenn er einen Tag lang keinen Fehler beging und auch der Tag seine Mutter wie geschmiert lief, fiel es ihr oft ein, ihm dennoch all ihre K\u00e4lte und ihre Abscheu zu zeigen. Jeden Tag f\u00fchlte er sich schuldiger.<\/p>\n<p>Seine Augen fielen, vom regelm\u00e4ssigen Rattern der Bahn, von der schw\u00fclen Hitze und seiner unendlichen M\u00fcdigkeit, zu. Nur einen Moment, sagte er sich. Sie wird es sowieso nicht merken. In der Tat igrnorierte sie ihn die ganze Zeit und wenn ihre Hautfarbe sie nicht unzertrennlich verbunden h\u00e4tte, dann h\u00e4tte man meinen k\u00f6nnen, dass sie gar nichts miteinander zu tun hatten.<\/p>\n<p>Er sah seine Mutter und sich auf einer gr\u00fcnen Wiese. Sie lachte und legte sich auf eine ausgebreitete Decke, auf der sie auch Wassermelonen, \u00c4pfel, Kiwi und Datteln gelegt hatte. In einem Gef\u00e4ss voller geschlagenem Eis lagen mehrere Dosen Limonade. Er erinnerte sich an seinen Vater. So stattlich sah er aus. In allem was sein Vater und seine Mutter taten, sp\u00fcrte er die Liebe seiner Eltern. Der Vater spielte ihm den Ball zu. \u201eLos, nimm ihn auf! Ja, genau so!\u201c rief er.<\/p>\n<p>Gewitterwolken zogen \u00fcber die gr\u00fcne Wiese.<\/p>\n<p>Seine Mutter stand am K\u00fcchenfenster, welches von tr\u00e4ge dahin flie\u00dfenden Regentropfen gesprenkelt war. Es donnerte. Seine Mutter hielt einen Brief in ihrer Hand und weinte.<\/p>\n<p>\u201eJeden Tag, wenn ich dich sehe, erinnerst du mich an deinen Vater!\u201c spie sie ihm einmal ins Ohr. Es war kein liebevoller Gedanke, es war ein Vorwurf, der schwerer wiegen sollte, schwerer als Blei. Und er war schwer.<\/p>\n<p>Das konnte man dem Jungen nun auch gut ansehen, wie er da mit gesenktem Haupt und geschlossenen Augen m\u00fcde auf dem Sitz sa\u00df. Doch wo war seine Mutter geblieben? Da kam sie von der T\u00fcr her und stie\u00df mit ihrer Faust gegen seine Schulter. Kein Wort, nur ein strafender Blick, weil er seinem Vater ja so \u00e4hnlich war.<\/p>\n<p>Mutter und Sohn str\u00f6mten mit einer Masse von Menschen hinaus in die anonyme Stadt, in der es stets zu laut war, um ein leises Kinderweinen zu h\u00f6ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die dunkelh\u00e4utige Frau sa\u00df neben dem dunkelh\u00e4utigen Jungen auf einer Bank in der Stra\u00dfenbahn. Ihre in Furchen gelegte Stirn sprach von k\u00fchler Betr\u00fcbnis, von entt\u00e4uschter Ern\u00fcchterung, von zerst\u00f6rten Tr\u00e4umen. Jeder Atemzug erinnerte sie qu\u00e4lend daran, zu leben. 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