{"id":1502,"date":"2019-11-12T20:39:00","date_gmt":"2019-11-12T19:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1502"},"modified":"2019-11-12T21:00:08","modified_gmt":"2019-11-12T20:00:08","slug":"die-geschichte-von-glas-und-stein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1502","title":{"rendered":"Die Geschichte von Glas und Stein"},"content":{"rendered":"<p>Ein Bahngleis. Der Wind ist kalt. Jorgos zieht sich die Regenjacke etwas h\u00f6her. Nutzlos. Z\u00fcge kommen und gehen. Der Regen wallt auf. Er geht in die Halle. Menschen. In allen Gr\u00f6\u00dfen. Grobe Gesichter, die ihn erschrecken, sanfte Gesichter, die er sofort sympathisch findet. Gelbe Regenjacken, ein Rollstuhl mit einem Kind darin. Die Reifen beklebt mit Spider Man Bildern. Verzweifelte Augenpaare. Ein junger Mann fragt, ob er etwas Kleingeld bekommen k\u00f6nnte. Jorogs sch\u00fcttelt den Kopf, f\u00fchlt sich dabei mutlos und falsch. Dann steigt er wieder die Treppen hinauf. Bahnsteig 4. Er geht zwanzig Schritte bis zu der Bank. Gestern noch sa\u00df er hier mit Anke. Alles war m\u00f6glich. Die Welt aus den Angeln rei\u00dfen. Seine Sehnsucht war so hoffnungsvoll gewesen.<\/p>\n<p>Er musste zur\u00fcck denken. Als sie auf dem Dach sa\u00dfen. \u201eMein Herz schl\u00e4gt wie verr\u00fcckt. Ich liebe dich, das wei\u00dft du doch?\u201c fragte sie ihn und er lies sich von seiner Leidenschaft hinrei\u00dfen, k\u00fcsste sie. W\u00e4hrend sie miteinander schliefen, in dieser warmen Sommernacht, ganz in der N\u00e4he des Schornsteins auf dem Dach, h\u00f6rte er in sich ein Pr\u00e4ludium von Johann Sebastian Bach, er dachte an die farbenfrohen Bilder von Monet und die flirrenden Werke von Vincent van Gogh, aber auch Werke von Rodin kamen ihm vor Augen, w\u00e4hrend er mit seinen H\u00e4nden ihren K\u00f6rper liebkoste. Sie wertsch\u00e4tzte. Sie ehrte. Frei f\u00fchlte er sich wie ein Vogel.<\/p>\n<p>\u201eIch muss gar nichts tun!\u201c antwortete er wenig sp\u00e4ter seinem Vater, doch dieser regte sich auf: \u201eAus dir wird nichts werden, wenn du keinen Beruf ergreifst!\u201c <i>Das wei\u00df ich doch, Papa, <\/i>h\u00e4tte er ihm gerne gesagt, aber er konnte nicht. <i>Wei\u00dft du nicht, wie es ist, wenn man sich so frei und gl\u00fccklich f\u00fchlt wie ein Adler, der \u00fcber das Land fliegt? Wenn das wahre Leben zum Traum wird?<\/i><\/p>\n<p><i>Doch, ich wei\u00df es, <\/i>h\u00e4tte dieser vielleicht gewantwortet. <i>Aber als ich so tr\u00e4umte, kam der Krieg und verwandelte meinen Traum in einen Alptraum. <\/i>Aber auch er konnte nichts sagen. Au\u00dfer das, was schon sein Vater gesagt hatte, weil schon ihm die Worte gefehlt hatten. <i>Du wirst auf der Stra\u00dfe landen!<\/i><\/p>\n<p>Ohne Geld wird man auch nicht gl\u00fccklich, h\u00f6rt er sich zu sich selbst sagen &#8211; oder hat er es nur gedacht? Neue Z\u00fcge fahren im Bahngleis ein. Neue Menschen entsteigen den Anh\u00e4ngern. Wieder bunt gemischt.<\/p>\n<p>Er setzt sich neben einen alten Mann, der Tauben f\u00fcttert. \u201eGestern sa\u00df ich hier\u201c, sagt er zu dem alten Mann. Der alte Mann l\u00e4chelt ihn an. Er scheint taub, aber gl\u00fccklich zu sein. \u201eIch kniete mich vor ihr nieder und reichte ihr den Ring.\u201c Er f\u00fchlt eine Tr\u00e4ne. Der alte Mann legt eine alte Hand auf seine und sieht ihn an, wie einst sein Vater, in jenen stillen, seltenen Momenten, in denen sein Blick mehr sagte als tausend Worte.<\/p>\n<p>Die Uhr tickte schwere Minuten. \u201e<i>Vater, ich w\u00e4re gerne ein besserer Sohn und w\u00fcsste gerne jetzt, was ich dir sagen sollte, aber mir fehlen die Worte.\u201c \u201eUns fehlten immer die Worte, nicht wahr?\u201c \u201eJa.\u201c Tr\u00e4nen. \u201eHast du Angst?\u201c, fragte Jorgos. Wieder keine Worte. Ein Blick jedoch und Tr\u00e4nen, die auch dem Vater herunterliefen. Keine Umarmung. Warum nur keine Umarmung? Abschied \u2013 als w\u00e4re es nicht f\u00fcr immer.<\/i><\/p>\n<p>\u201eSie lachte nur. Sie sprach von Spa\u00df haben und nicht gleich heiraten.\u201c Der alte Mann sieht ihn an. Alle dachten immer, er sei geistig verwirrt. Und nun dieser Blick. \u201eKennst du die Geschichte von Glas und Stein?\u201c, fragt der alte Mann. Er verneint. Der alte Mann erz\u00e4hlt. \u201eEs waren einmal ein Mann und eine Frau. Sie konnten nicht sprechen und wollten sich etwas schenken, was ihre Gef\u00fchle ausdr\u00fcckt, die sie f\u00fcreinander empfanden. Die Frau w\u00e4hlte das Glas, weil ihre Gef\u00fchle so rein waren wie das Glas. Der Mann w\u00e4hlte einen Stein, weil seine Liebe so unzerst\u00f6rbar war, wie ein Stein. Als sie sich ihre Geschenke zeigten, begannen sie beide zu weinen, denn sie erkannten, dass sie \u2013 bei aller Liebe \u2013 nie zueinander passen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p><i>Die Z\u00fcge fahren weiter. Menschen sammeln sich an roten Ampeln und str\u00f6men weiter in ihrem gigantischen M\u00e4uselabyrinth. Das Leben rollte weiter, der Flu\u00df flo\u00df weiter. Kinder wurden weiter gezeugt und wurden weiter erzogen, Kriege wurden weiter gef\u00fchrt und Frieden ausgehandelt, &#8222;Kluge Leute&#8220; redeten weiter dumm daher und der &#8222;Dummen&#8220; Leute Klugheit blieb weiter verborgen, blieb weiter ungeh\u00f6rt.<\/i><\/p>\n<p>Er sitzt am Grab seines Vaters und erz\u00e4hlt ihm alles, was er ihm immer erz\u00e4hlen wollte. Er weint mit ihm, er lacht mit ihm. Dann steht sein Vater vor ihm.\u00a0<em>Geh jetzt. Es ist Zeit. Suche nicht nach den verlorenen Worten, sondern finde Neue f\u00fcr neue Menschen. Lebe, mein Sohn!<\/em><\/p>\n<p>Der wundervolle Sonnenuntergang schien den ganzen Himmel in Brand gesetzt zu haben. Jorgos streckte sich und hatte das Gef\u00fchl, seine Seele w\u00fcrde bis zum Himmel reichen \u2013 und weiter. Dann lies er sich in die hohen Blumen fallen, die ihn umgaben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bahngleis. Der Wind ist kalt. Jorgos zieht sich die Regenjacke etwas h\u00f6her. Nutzlos. Z\u00fcge kommen und gehen. Der Regen wallt auf. Er geht in die Halle. Menschen. In allen Gr\u00f6\u00dfen. Grobe Gesichter, die ihn erschrecken, sanfte Gesichter, die er &hellip; <a href=\"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1502\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-1502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lyrik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1502"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1502\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1513,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1502\/revisions\/1513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}