{"id":1692,"date":"2020-07-10T13:28:13","date_gmt":"2020-07-10T11:28:13","guid":{"rendered":"http:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1692"},"modified":"2020-07-10T13:47:15","modified_gmt":"2020-07-10T11:47:15","slug":"kolumne-respektlosigkeit-in-corona-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=1692","title":{"rendered":"Kolumne: Respektlosigkeit in Corona-Zeiten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein fast normaler Feierabend<\/strong><\/p>\n<p>Eigentlich hatte ich einen anderen Text vorbereitet, doch dann kam etwas dazwischen. Ich wurde Zeuge einer abstrusen Szene in einer Hannover Stadtbahn, die mich immer noch fassunglos und w\u00fctend macht. Vor Allem w\u00fctend.<\/p>\n<p>Ich setzte mich an meiner Haltestelle, nach einem langen Arbeitstag, in die Stadtbahn. Alle trugen ihren \u201eMund- Nasenschutz\u201c und alle achteten auf Abstand, so sehr das eben m\u00f6glich war. Bald schon f\u00fcllte sich die Stadtbahn erheblich. Ich hatte eine sp\u00e4ter genommen als sonst. Offenbar ist diese viel voller.<\/p>\n<p>Mir gegen\u00fcber \u2013 ein freier Platz links, einer recht \u2013 sa\u00df ein \u00e4lterer, d\u00fcnner Herr, der offensichtlich auf einem Auge erblindet war. Auch ich achtete darauf, dass ich neben mir Platz hatte und nehme andererseits genau so R\u00fccksicht auf meine Mitmenschen: Wenn ich mich nur dann setzen k\u00f6nnte, wenn ich einer anderen Person \u201eauf den Leib r\u00fccke\u201c, sprich: direkt neben ihr sitzen w\u00fcrde, dann setze ich mich woanders hin oder stehe.<\/p>\n<p>Spannenderweise ist dieses Verhalten seit dem Ausbruch von Corona unter den meisten Mitmenschen allgemein anerkannt, wie ich beobachten konnte. \u201eIch sch\u00fctze dich, du sch\u00fctzt mich.\u201c So zivilisiert und r\u00fccksichtsvoll erlebte ich in meinem Leben, speziell in den \u201e\u00d6ffis\u201c, selten meine Mitmenschen. Respekt!<\/p>\n<p><strong>Respekt(los)!<\/strong><\/p>\n<p>Doch gestern erlebte ich genau das Gegenteil von R\u00fccksicht. Es begann damit, dass die Stadtbahn mal wieder hielt. Ein deutscher, korpulenter Mann trat ein und setzte sich \u2013 trotzdem genug Platz da war (siehe oben) \u2013 direkt neben mich. Mich \u00e4rgerte das, aber neben mir war genug Platz. Ich setzte mich also einen Platz weiter nach rechts. Daraufhin kam ein t\u00fcrkischer Mann, Mitte 20, herein und setzte sich provokant in die so entstandene L\u00fccke. Ich schreibe \u201eprovokant\u201c, denn so wie er sich in diese L\u00fccke fallen lies hatte das etwas \u201etrotziges\u201c. So meine Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Ich \u00e4rgerte mich, aber sah, dass ich, wenn ich aufst\u00fcnde, in der mittlerweile sehr vollen Stadtbahn, nur vom Regen in die Traufe kommen konnte. Ich \u201eatmete\u201c also quasi \u201ein die andere Richtung\u201c.<\/p>\n<p>Ein, zwei Stationen sp\u00e4ter trat ein anderer t\u00fcrkischer Mitb\u00fcrger ein. Dieser setzte sich neben den beschriebenen \u00e4lteren Herrn. Dieser sagte darauf hin: \u201eBitte nehmen Sie Abstand!\u201c Der junge Mann holte einen Ohrh\u00f6rer aus seinem Ohr, denn offenbar h\u00f6rte er Musik. \u201eH\u00e4?\u201c fragte er. Und der \u00e4ltere Herr antwortete in ruhigem, freundlichen Tonfall auf englisch: \u201eDistance!\u201c Okay, dachte ich, er hat Recht! Zudem mag es gut sein, dass er zur Risikogruppe geh\u00f6rt. Alleine schon aufgrund seines Alters, zumindest aber wegen seiner teilweisen Erblindung kann er nicht Autofahren und ist gezwungen, trotz Risiko, die \u00d6ffis zu nehmen. Also alles top. Ich erwartete also, dass man ihm mit Verst\u00e4ndnis und Abstand begegnet. Weit gefehlt!<\/p>\n<p>Daraufhin begann sich der junge Mann neben mir aufzuregen. \u201eEr hat doch nichts falsch gemacht. Lassen sie ihn da doch sitzen!\u201c Und der korpulente deutsche Mann: \u201eWenn sie Abstand wollen, stehen sie doch auf!\u201c Wie gesagt: Das wurde ZU dem \u00e4lteren Mann gesagt! Dieser r\u00e4umte fassungslos seinen Platz, woraufhin der korpulente Deutsche und der flappsige T\u00fcrke sich dar\u00fcber lustig machten, wie verr\u00fcckt die Leute geworden seien durch \u201eCorona\u201c.<\/p>\n<p>Ich \u00e4rgerte mich zu diesem Zeitpunkt schon extrem, teils auch dar\u00fcber nicht zu wissen, wie ich mit so viel R\u00fccksichtslosigkeit und mangelndem Respekt umgehen sollte.<\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Mann neben mir stieg bald aus, der Deutsche jedoch rechnete wohl nicht damit, dass der \u00e4ltere Herr seine Freundin dabei hatte. Diese erwischte ihn noch vor dem Einsteigen und erkl\u00e4rte ihm klar: \u201eSie sind jetzt still!\u201c Dieser erwiderte irgendwas davon, dass sie nicht verstehe, wie es mit Corona wirklich sei oder so \u00e4hnlich. \u201eAber sie wissen das, wie?\u201c Er setzte wieder zum Reden an, doch die Freundin meinte nur im strengen Tonfall: \u201eSie sind jetzt ganz still! Ganz still sind sie!\u201c Dann nahm sie ihren Freund \u2013 den \u00e4lteren Herrn \u2013 an die Hand und ging davon.<\/p>\n<p><strong>Angst und \u00c4rger<\/strong><\/p>\n<p>Zu aller erste einmal dies: Wer eine einigerma\u00dfen vern\u00fcnftige Erziehung geno\u00dfen hat, wird keinen \u00e4lteren Herrn verbal angehen. Selbst wenn unsere Wissenschaftler den gr\u00f6\u00dften Mist erz\u00e4hlen sollten, w\u00e4re das nie und nimmer ein Grund dazu.<\/p>\n<p>Des Weiteren hatte ich deshalb so gro\u00dfe Probleme mit der Situation, die da in der Stadtbahn eingekehrt war, weil T\u00fcrken involviert waren. Ich erinnerte mich an zahlose Videos, in denen gezeigt wurde, wie Ausl\u00e4nder in Bussen oder Bahnen diskriminiert und gefilmt worden sind und darauf hin die Masse der Mitfahrenden (zu Recht!) symbolisch aufstand, um was dagegen zu tun. Aber dieser \/diese T\u00fcrken\/Ausl\u00e4nder waren provokativ und es fehlte ihnen an Benehmen, Erziehung und\/oder Bildung bez\u00fcglich unserer aktuellen Situation.<\/p>\n<p>Es war eine merkw\u00fcrdige Situation mit unterschiedlichen Beteiligten und ich war, zumal direkt nach einem langen Arbeitstag, \u00fcberfordert damit, richtig oder \u00fcberhaupt zu reagieren. Niemanden wollte ich diskriminieren, aber was ich bemerkte war, wie schnell hier nur zwei Personen, durch ihr Grenz-\u00fcberschreitendes Verhalten, f\u00fcr Unruhe und Ungerechtigkeit sorgten!<\/p>\n<p>Stichwort Diskriminierung und Toleranz: Die eigene Freiheit h\u00f6rt da auf, wo die des anderen beginnt und wenn wir in Deutschland u.a. religi\u00f6s \u201eFremde\u201c tolerieren und ja, auch Deutsche, die sich nicht benehmen k\u00f6nnen, dann sollten auch Menschen toleriert werden, die an die Wissenschaft glauben. Neben dem Respekt vor dem Alter, was zumindest an diesem Tag mit F\u00fc\u00dfen getreten wurde, ist dass das Mindeste.<\/p>\n<p>Neben einer langen Zeit von guten Erfahrungen, zeigte sich hier wieder einmal die Schattenseite der Mitmenschen. Ich war entsetzt. Meiner Ansicht nach sollten Menschen danach bewertet werden, wie sie sich verhalten, nicht nach der Hautfarbe, Herkunft oder sonstigen Richtung, sondern nach dem Verhalten. Wohlt\u00e4ter wie Verbrecher, Kreative wie Dummk\u00f6pfe, Empathische wie R\u00fccksichtlose gibt es doch in allen Hautfarben, in allen L\u00e4ndern der Welt. Es wird Zeit zu begreifen, dass keine Hautfarbe oder Herkunft bedeutet, dass man einen guten oder schlechten Menschen vor sich hat. Nur dann k\u00f6nnen wir Rassismus und Diskriminierung eind\u00e4mmen. Wenn wir einander als MENSCHEN begegnen und beurteilen.<\/p>\n<p>Wann ist es an der Zeit, Zivilcourage zu zeigen? Warum habe ich nichts gesagt? Es sind Str\u00f6mungen in Deutschland unterwegs, die mir Angst machen!<\/p>\n<p>Au\u00dferdem versp\u00fcre ich Wut. Auch das \u00e4rgert mich, denn das k\u00f6nnen &#8222;solche&#8220; Menschen, die sich irgendwie wie die &#8222;Auserw\u00e4hlten&#8220;, &#8222;die einzigen, die alles verstehen&#8220; f\u00fchlen, am Besten: Aufwiegeln, f\u00fcr ein ungesundes Klima in der Gesellschaft sorgen. Nein, ich mache da nicht mit. Ich bleibe r\u00fccksichtsvoll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein fast normaler Feierabend Eigentlich hatte ich einen anderen Text vorbereitet, doch dann kam etwas dazwischen. Ich wurde Zeuge einer abstrusen Szene in einer Hannover Stadtbahn, die mich immer noch fassunglos und w\u00fctend macht. Vor Allem w\u00fctend. 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