{"id":3062,"date":"2025-06-01T13:10:15","date_gmt":"2025-06-01T11:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=3062"},"modified":"2025-06-01T13:37:49","modified_gmt":"2025-06-01T11:37:49","slug":"mr-jones-und-die-musik-eine-kurzgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=3062","title":{"rendered":"Mr. Jones und die Musik &#8211; eine Kurzgeschichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 40px;\">von Matthias Wieprecht (c)<\/p>\n<p>Mr. Jones sa\u00df am Fr\u00fchst\u00fcckstisch und sah matt aus dem Fenster, vor dem die zugezogene, halb durchsichtige Spitzengardine hing. Er seufzte, w\u00e4hrend er das Marmeladenbrot in seiner rechten Hand hielt, es jedoch nicht zum Mund f\u00fchrte. Dann legte er das Brot wieder ab.<\/p>\n<p>Es war ihm schwer ums Herz.<\/p>\n<p>Verdammt, dachte er, und gab sich einen Ruck. Er nahm seine Kaffeetasse und trank einen Schluck. Der recht kalt gewordene Kaffee schmeckte wie die Erinnerung an etwas, was einmal sch\u00f6n gewesen war. Wieder seufzte er und sackte innerlich zur\u00fcck in seinen h\u00f6lzernen Stuhl, den er vor langer Zeit von seiner Gro\u00dfmutter geerbt hatte.<\/p>\n<p>So richtig Appetit hatte er nicht. So wie der Kaffee kalt war, wirkte sein Wohnzimmer \u2013 er lebte in einer 2 \u2013 Zimmer Wohnung von 55 Quadratmetern \u2013 an diesem Morgen recht farblos. Das graue Wetter drau\u00dfen und der leise gegen die Scheibe klopfende Regen, der langsam zu Schnee \u00fcberzugehen schien, machte das auch nicht besser.<\/p>\n<p>Jetzt, da er bemerkte, dass einige Regentropfen tats\u00e4chlich halb aus Schnee zu bestehen schienen, dachte er an Weihnachten \u2013 und der Unterschied zwischen der warmen, umarmenden Erinnerung und der kalten freudlosen Gegenwart des gro\u00dfen Festes, tat ihm im Herzen weh. Und machte ihn noch viel schwerer. Noch war es ja eine Weile hin, so an die zwei Monate. Fast.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Mr. Jones so da sa\u00df, h\u00f6rte er irgendwann das Ticken seiner Wanduhr, auch ein Erbst\u00fcck, und das hatte etwas tr\u00f6stliches. Das Ticken dieser Uhr, man musste sie gewiss aufziehen, erklang nun schon seit Generationen von Jones. Wie ein unsichtbares Korsett durchzog es alle Leben seiner Vorfahren und nun auch seines, gleichg\u00fcltig, was in seinem Leben an wundervollen oder schrecklichen Dingen geschehen war. So auch jetzt, an diesem trostlosen Morgen.<\/p>\n<p>Seine volle Blase vermochte es Mr. Jones zum Aufstehen zu bewegen. \u201eWas muss, dass muss\u201c, sagte er leise vor sich hin.<\/p>\n<p>Als er zur\u00fcckkehrte, nur wenige Minuten sp\u00e4ter, hatte sich etwas ver\u00e4ndert. Er erkannte es. Der Regen war vollkommen in Schnee \u00fcbergegangen. In wenigen Minuten hatte er daf\u00fcr gesorgt, dass die Welt ein wenig wei\u00dfer, ein wenig heller geworden war. Und der f\u00fcnfj\u00e4hrige Junge in Mr. Jones rannte, so schnell er freilich konnte, zum Fenster und zog die Gardine beiseite.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen fuhren die Autos wie eh und je, auch die Wege waren voll von Fu\u00dfg\u00e4ngern, wie eh und je. Die Stra\u00dfenbahn fuhr, alles war fast wie immer. Fast! Denn der Schnee ber\u00fchrte einige Menschen, das konnte er sehen. Nat\u00fcrlich viele der Kinder, die hier herumliefen, auf dem Weg zur Schule etwa, vielleicht zur dritten Stunde? Sie schnappten mit dem Mund nach einzelnen Schneeflocken, sie bauten aus dem wenigen Schnee, der liegen geblieben war, Schneeb\u00e4lle und begannen sich gegenseitig zu bewerfen. Sie lachten, sie waren voller Lebensfreude. So wunderte sich Mr. Jones nicht, dass er bei diesem Anblick l\u00e4cheln musste.<\/p>\n<p>Denn damals, vor so langer Zeit, liebte er das Leben auch so wie diese Kinder. Nicht wegen eines vollen Bankkontos, das er schon lange nicht mehr hatte, obwohl er in seiner Teilzeitbesch\u00e4ftigung ein wenig verdiente, sondern wegen allt\u00e4glicher Freuden wie die \u00fcber ein paar Flocken vom Himmel.<\/p>\n<p>Auch manche Erwachsene hatten durch diese kleine Ver\u00e4nderung ihrer Umgebung pl\u00f6tzlich leuchtende Augen, wenige von ihnen strahlten \u00fcbers Gesicht. Nur nicht die \u00fcberzeugten Autofahrer, die waren am jammern, kaum das die Welt ein wenig vom Zauber des Schnees bedeckt worden war.<\/p>\n<p>Mr. Jones zauderte. Ein Teil von ihm war tats\u00e4chlich geneigt, dem Wunsch seines inneren kleinen \u201eJones jr.\u201c nachzugeben, zum Schallplattenschrank zu gehen und Weihnachtsmusik aufzulegen.<\/p>\n<p>\u201eWeihnachtsmusik werden wir nicht auflegen\u201c, sagte er laut vor sich hin. \u201eAber mal sehen&#8230;\u201c Nun hatte ihn eine winzig kleine Neugier gepackt, denn eine Erinnerung war zum Leben erweckt worden. &#8222;Dieses St\u00fcck habe ich schon ewig nicht mehr geh\u00f6rt&#8220;, fl\u00fcsterte er and\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Vor einer gef\u00fchlten Ewigkeit war er einmal von seinen Eltern mit in ein klassisches Konzert geschleppt worden, das totsterbenslangweilig gewesen war, bevor die Musik die Luft erf\u00fcllte.\u00a0Damals, er war in seinens p\u00e4ten Teenager \u2013 Jahren, packte ihn diese Musik. Gespielt wurde etwas von Mozart. Seine 40. Symphonie.<\/p>\n<p>Er legte also die Schallplatte auf und die Musik, die ihm so vertraut war, lies ihn vergessen, dass er da sa\u00df und nur lauschte. Erneut, wie damals, packte ihn schon der 1. Satz, der verzweifelt und lebensfroh zugleich war, der 2. Satz, der ihn tr\u00e4umen lies und wieder war er an die 17 Jahre alt und sa\u00df neben seinen Eltern im Konzertsaal. All die Menschen hatten sich schick gemacht, h\u00f6rten aufmerksam, was gespielt wurde. Auch alte Freunde aus jener Zeit kamen ihm ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcck, Liebschaften, seine damalige \u201eUnart\u201c t\u00e4glich Rumkugeln zu verzehren (damals konnte er noche essen, was er wollte), der 3. Satz, der sich anh\u00f6rte wie ein m\u00e4chtiger Protest, so voller Kraft, dass Mr. Jones sich f\u00fcr einen Moment selbst erf\u00fcllt f\u00fchlte von der Kraft seiner vergangenen Jugend. Vor seinem inneren Auge nahm er es mit allen \u00c4mtern auf, die ihm das Leben schwer gemacht hatten, mit ehemaligen Vorgesetzten, selbst mit Mitsch\u00fclern seiner Kindheit, die ihn gemobbt hatten -und er triumphierte! Wie war es, im Einklang mit diser Musik, auch anders m\u00f6glich? Der 4. Satz, der ihn \u2013 wegen seiner spr\u00fchenden Lebensfreude \u2013 nur l\u00e4chelnd das Plattencover fallen lies, von dem er vergessen hatte, das er es in seiner linken Hand gehalten hatte, verklang so schnell und berauschend, wie er begonnen hatte.<\/p>\n<p>Dann bewegte sich der Tonarm zur\u00fcck in seine Position und die Mechanik im Ger\u00e4t h\u00f6rte auf sich zu regen. Stille herrschte wieder vor \u2013 neben dem regelm\u00e4ssigen Ticken der Wanduhr.<\/p>\n<p>Mr. Jones Wangen hatten Farbe angenommen und seine Augen leuchteten ein wenig. Als er aufstand, zog es etwas im R\u00fccken, aber er bemerkte es kaum. Viel kr\u00e4ftiger als zuvor ging er zum Fenster, zog die Gardine zur Seite und fasste den Entschluss, durch diese wunderbare Schneelandschaft, die sich ihm hier zeigte, spazieren zu gehen. Wer wei\u00df? Vielleicht w\u00fcrde er sogar Essen gehen in einem schicken Restaurant.<\/p>\n<p>Als er ging und die T\u00fcr hinter ihm schloss, blieb sein Wohnzimmer in graues Licht getaucht und die Stille blieb nur unterbrochen vom einsamen Tick \u2013 Tack der Wanduhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Matthias Wieprecht (c) Mr. Jones sa\u00df am Fr\u00fchst\u00fcckstisch und sah matt aus dem Fenster, vor dem die zugezogene, halb durchsichtige Spitzengardine hing. 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