{"id":976,"date":"2018-06-21T22:01:51","date_gmt":"2018-06-21T20:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=976"},"modified":"2018-06-21T22:10:40","modified_gmt":"2018-06-21T20:10:40","slug":"die-parkbank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=976","title":{"rendered":"Die Parkbank"},"content":{"rendered":"<p>Der Fr\u00fchnebel wurde sanft von den Sonnenstrahlen des Morgens vertrieben. Ich stand da, wo man im Park genau auf den Flu\u00df sehen konnte. Rechts und links von mir waren B\u00e4ume. In der Ferne tummelten sich wenige Menschen, die noch zu dieser fr\u00fchen Stunde joggen wollten. Ich setzte mich auf die Parkbank, die direkt vor mir stand. Wie sch\u00f6n war das Glitzern des Wassers in der Sonne!<\/p>\n<p>H\u00e4tte ich mich doch nur nicht so einsam gef\u00fchlt. Der Soundtrack meines Lebens f\u00fchlte sich an wie ein Moll \u2013 St\u00fcck von Mahler oder das Adagio von Samuel Barber. Dabei mochte ich doch auch Jazz recht gern! Ja, wie w\u00e4re es wohl, wenn meine Lebensmelodie jazzig w\u00e4re?<\/p>\n<p>Mein Bein schmerzte wieder. Es war ein auszuhaltender Schmerz. Ein \u00e4rgerlicher Schmerz, aber keiner, der mir den sch\u00f6nen Morgen verderben konnte. Chronische Schmerzen sind einfach ein Elend. Die Gesunden, wie ich alle Menschen ohne chronische Erkrankungen nannte, wussten gar nicht, wie gut es ihnen ging.<\/p>\n<p>Ein Vogel landete vor mir auf dem Boden. Er sah sich keck um und suchte wohl nach einem Wurm, fand aber keinen. Er sah klein und einsam aus. Vielleicht projezierte ich meine Befindlichkeit aber auch nur auf den kleinen Vogel. Mein Gott, mein Psychiater, Dr. Rogers, h\u00e4tte seine Freude gehabt. Ich identifizierte mich mit einem kleinen Vogel!<\/p>\n<p>Eine junge Frau lief auf meine Parkbank zu, setzte sich hin. Sie trug Ohrst\u00f6psel, atmete schwer, woraufhin sich nat\u00fcrlich ihre Brust hob und senkte. Es war wie in einem billigen Liebesroman und ich spann die Gedanken weiter.<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigen sie, haben sie ein Kaugummi?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, ich habe tats\u00e4chlich ein Kaugummi. Hier. Woher kommen sie?<\/p>\n<p>Aber sie hatte Ohrst\u00f6psel in ihren Ohren. Ich sprach einfach trotzdem, wollte Dr. Rogers stolz auf mich machen, wenn ich ihm von diesem kleinen Experiment erz\u00e4hlte.<\/p>\n<p>\u201eWollen wir irgendwo einen Kaffee trinken gehen?\u201c rief ich sie an. Sie zog einen St\u00f6psel aus dem Ohr. \u201eSorry? Kaffee? Ne, danke, trinke nur Wasser.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAber &#8230;ich kann Ihnen auch ein Wasser ausgeben!\u201c<\/p>\n<p>\u201eSie wollen ja nur mit mir im Bett landen. Danke nein. Tsch\u00fc\u00df Opi!\u201c<\/p>\n<p>Dann lief sie weg.<\/p>\n<p>Ich betrachtete das glitzernde Wasser.<\/p>\n<p>\u201eOpi\u201c, sagte ich vor mich hin. \u201eWas denkt sie, wer ich bin? Ich bin 48, nicht 480!\u201c Es besch\u00e4ftigte mich noch sehr, aber ich lobte mich daf\u00fcr, sie angesprochen zu haben. Dr. Rogers h\u00e4tte jetzt einen Grund, mir weiterhin zu sagen: \u201eWarten sie es doch einfach ab, das wird schon!\u201c Mir war nat\u00fcrlich klar, dass Rogers f\u00fcr mich log und nett war. Das war an sich schrecklich, aber ich mochte es. Es hielt mich manchmal aufrecht.<\/p>\n<p>Eine \u00e4ltere Dame setzte sich neben mich. Ihre verw\u00e4sserten, blauen Augen waren sicher einmal wundersch\u00f6n gewesen. \u00dcberhaupt konnte ich in ihr das sch\u00f6ne Wesen entdecken, dass sie einmal gewesen war.<\/p>\n<p>\u201eDarf ich ihnen eine Frage stellen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGewiss doch, junger Mann!\u201c<\/p>\n<p>Junger Mann! Die Frau hatte jetzt schon einen Pluspunkt bei mir gewonnen.<\/p>\n<p>\u201eWarum ist es heute so schwierig, eine Frau kennenzulernen.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau sah mich nachdenklich an, schaute an mir hinauf und herab, dann setzte sie sich etwas zur\u00fcck, fasste dabei ihre Handtasche wie ein Kind einen Teddy greifen w\u00fcrde, wenn es etwas m\u00f6glicherweise \u201eVerbotenes\u201c sagen wollte, aber dann sagte sie es:<\/p>\n<p>\u201eVer\u00e4nderungen, wenn sie mich fragen. Fr\u00fcher konnte man jemanden beim Tanz-Tee kennenlernen, sp\u00e4ter in der Disco. Aber diese Zeiten sind vorbei. Der Kommerz hat alles im Griff. Die Partnerschaftsportale im Internet zum Beispiel. Hauptsache Geld verdienen \u2013 mit allen Bed\u00fcrfnissen dieser Welt. Das haben wir vom totalen Kapitalismus.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSind sie links eingestellt?\u201c fragte ich sie und sie lachte herzlich.<\/p>\n<p>\u201eLinks und j\u00fcdisch bin ich auch.\u201c lachte sie herzlich.<\/p>\n<p>Wir lachten beide, obwohl ich gar nicht so recht verstand, warum. Es war vermutlich ihre heitere Art, die sie sich im hohen Alter noch bewahrt hatte.\u00a0 Dann sah sie fl\u00fcchtig auf ihre Uhr.<\/p>\n<p>\u201eIch muss nun leider weiter. Ein Arzttermin&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnschte ihr einen sch\u00f6nen Tag.<\/p>\n<p>Dann stand ich auf und ging zum Ufer des Flusses. Die Sonne war nun h\u00f6her gestiegen und begann hei\u00df auf die Erde hinabzuscheinen. Der Verkehr in der Ferne war lauter geworden. Ich konnte Autos sehen, die scharenweise an die Ampeln fuhren und dann weiter, immer weiter. Ich pfiff vor mich hin, wobei ich an die lebensfrohe Dame dachte, mit ihrer linken Einstellung.<\/p>\n<p>Dann setzte ich mich wieder auf die Bank. Eine Weile setzte sich niemand mehr dazu.<\/p>\n<p>Es mochte so gegen 13 Uhr gewesen sein als ein Schuljunge kurz auf der Bank Platz nahm. Er mochte so 12 Jahre alt sein. Er war dunkelblond, leicht untersetzt und hatte ein sch\u00f6nes, pfiffiges Gesicht.<\/p>\n<p>\u201eSag mal, darf ich dich was fragen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eFragen sie doch\u201c, sagte er.<\/p>\n<p>\u201eIst es in deinem Alter auch schwer, eine Fr&#8230; ein M\u00e4dchen kennenzulernen?\u201c<\/p>\n<p>Der Junge wurde rot und starrte auf den Flu\u00df. Dann stand er schnell auf und ging zehn Schritte weiter, ehe er sich umdrehte und sagte: \u201eErstens soll ich nicht mir Fremden reden und \u2026 ja na klar ist das schwierig. Wenn man ihnen sagt, dass man sie mag, sind sie gekr\u00e4nkt, wenn man es nicht tut auch.\u201c<\/p>\n<p>Dann ging er schnell weiter.<\/p>\n<p>Vielleicht hatte er ja Recht. Aber waren alle so?<\/p>\n<p>Ich unterbrach den Tag indem ich den Park kurz verlies und mir einen Hamburger kaufte. Nicht gesund, aber jetzt genau richtig. Dann kam ich zur\u00fcck zur Bank und sah schon aus der Ferne, dass sich ein P\u00e4rchen in den zwanzigern darauf gem\u00fctlich eingerichtet hatte. Sie k\u00fcssten sich leidenschaftlich und hemmungslos. Ich war voller Neid und Faszination. Mein Gott, dass musste so sch\u00f6n sein!<\/p>\n<p>Dann sahen sie zu mir her\u00fcber.<\/p>\n<p>\u201eGeh weg, du alter Spanner!\u201c rief der Mann. Ich ging und streunerte noch etwas l\u00e4nger \u00fcber den Park. Wie vielen Menschen ich da begegnete! M\u00fcttern mit Kinderwagen, Leute in Rollst\u00fchlen, Anzugtr\u00e4ger und immer wieder Jogger. Ich kehrte in einem kleinen Kaffee ein, dass sich gegen\u00fcber dem Parkeingang befand.<\/p>\n<p>Direkt als ich es betrat, bezog sich der Himmel und es begann zu regnen. Mir fiel gleich die Frau direkt am Nebentisch auf. Sie trug ihre schwarzen Haare zu einem Pferdezopf gebunden und sah immer wieder unschl\u00fcssig zum Fenster.<\/p>\n<p>\u201eDarf ich ihnen etwas ausgeben?\u201c fragte ich sie.<\/p>\n<p>Sie sah mich verwirrt an, meinte dann distanziert, aber nicht unfreundlich: \u201eNein, danke. Mein Bus kommt jeden Moment.\u201c<\/p>\n<p>Ich nickte und bestellte einen Kakao.<\/p>\n<p>Ihr Bus kam rasend schnell. Das Wetter wurde wieder sonnig und ein Regenbogen erschien am Himmel, der wirklich beeindruckend aussah. Vielleicht, dachte ich, w\u00fcrde er bedeuten, dass ich nun die richtige Frau f\u00fcr mein leben finden w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Ich ging wieder zur\u00fcck zu der Parkbank. Sie war abermals leer. Der Himmel wurde schon etwas dunkel, ich konnte sogar den Mond schon entdecken, obwohl es erst sp\u00e4ter Nachmittag war. Nun setzte sich abermals eine Frau neben mich. Auch sie trug ihre Haare zu einem Pferdeschwanz, aber sie hatte blonde Haare. Ich sagte nichts, sie auch nicht. Ich genoss diese Ungewissheit und die damit verbundene M\u00f6glichkeit, keinen Korb zu bekommen.<\/p>\n<p>ENDE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fr\u00fchnebel wurde sanft von den Sonnenstrahlen des Morgens vertrieben. Ich stand da, wo man im Park genau auf den Flu\u00df sehen konnte. Rechts und links von mir waren B\u00e4ume. In der Ferne tummelten sich wenige Menschen, die noch zu &hellip; <a href=\"https:\/\/starbase-fantasy.de\/?p=976\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-976","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lyrik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/976","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=976"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/976\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":981,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/976\/revisions\/981"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=976"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=976"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/starbase-fantasy.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=976"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}