Sherlock Holmes – Die geheimen Fälle des Meisterdetektivs: Die Dame mit dem blauen Hut

Es fällt mir etwas schwer, diese Rezension zu schreiben, denn ich schätze die Serie um die „geheimen Fälle“ von Titania Medien sehr. Und gewiss ist die Qualität des Hörspiels als Solches auch wieder rundherum gelungen. Wer sich diese Folge kauft, wird gewiss gut unterhalten. Das vorab.

Spielfreude und Atmosphäre

Tennstedt und Bierstedt sind mittlerweile ähnlich gut eingespielt wie einst die legendären Groeger und Rode. Lutz Reichert in seiner herrlich schnoddrigen Art mimt genauso spielfreudig seinen Inspector Lestrade. Herrlich, wie sich besonders Watson und Lestrade immer mal wieder gegenseitig aufs Korn nehmen!

Auch der weitere Cast ist gut besetzt mit Bene Gutjan (Harold Spofford), Uschi Hogu (Catherine Winfield), Axel Lutter (Sir Alfred Braid), dem Schaffner (Bodo Primus) und dem Metzger Weasley, der von Thomas Balou Martin gesprochen wird. Abermals taucht auch diese Folge den Hörer in ein sprichwörtlich „atmosphärisches Hörspiel“ ein.

Das Haar in der Suppe?

Warum nun meine oben vorangestellte Skepsis?

Diese beruht im Wesentlichen auf der erste Szene und dem Aufbau des Hörspiels. Zur Erklärung muss ich etwas ausholen, werde dabei jedoch den Fall und speziell dessen Auflösung komplett unangetastet lassen. Es gibt also nur „sehr milde Spoiler“.

Holmes und Watson besuchen anfangs eine Vernissage. Dort treffen sie einen Kunstkritiker, der sehr charismatisch gespielt wird, jedoch später keine große Bedeutung mehr hat. Schließlich tritt der Künstler, Harold Spoffort, auf Holmes zu. Sie kommen auf die von Spofford häufig in seinen Bildern dargestellte Dame zu sprechen. Spoffort gibt zu, dass sie ihm lange Zeit mehr bedeutet hat, nun aber nicht mehr, zumal er in Kürze zu heiraten gedenkt. Seine ehemalige „Muse“, Edith Grant, möchte ein Kleinod, dass an ihre gemeinsame Zeit erinnert, nur ungerne herausgeben. Holmes wird darum gebeten, sein diplomatisches Geschick anzuwenden, um dies zu erwirken. Noch unwissend, dass es zu einem brutalen Mord an besagter Edith Grant kommen wird, nimmt Holmes diese Bitte an.

Als alter Sherlock Holmes Fan kann ich mir nur einfach nicht vorstellen, dass Holmes je diesen Auftrag angenommen hätte! In den Original – Fällen von Sir Arthur Conan Doyle zeigt sich immer wieder, wie wählerisch Holmes in Bezug auf die von ihm angenommenen Fälle ist. Oft beklagt er, dass die Verbrecher nicht mehr einfallsreich genug – für ihn – sind, seit er Moriarty (in „Das letzte Problem“) getötet hat. In „Die Blutbuche“ regt er sich zunächst darüber auf, nun als „Berufsberater“ tätig sein zu sollen. Dort hört er nur widerwillig der Geschichte von Violet Hunter zu, bis er interessante Aspekte erfährt, die ihn reizen. Holmes springt – generell – sofort an, wenn ein Fall ihn fordert, wenn er „Witterung aufnimmt“ – und dann ist es für ihn auch völlig egal, ob er für einen Bettler oder einen König aktiv werden soll.

Jedoch ein „diplomatisches Gespräch“ mit einer Dame, damit der zukünftig Ehemann besser vor seiner Frau dasteht – zumal Holmes Frauen zwar sehr achtete, aber nichts von der Ehe hielt – das würde er vermutlich nicht wirklich akzeptieren. Es wäre quasi unter seiner beruflichen Ehre. Damit er so einen „Auftrag“ annimmt, dafür hätte es gravierende weitere Argumente geben müssen.

So wirkt auf mich persönlich die ganze Eingangsszene, inklusive der etwas abseits stehenden und beobachtenden Edith Grant, die Holmes, grundlos, „möglicherweise in Gefahr“ wähnt, irgenwie nicht passend. Schön inszeniert, ganz klar, atmosphärisch dicht, aber nicht authentisch im „Sinne des Erfinders.“

Interessanter und glaubwürdiger wird der Fall als Holmes und Watson mit dem Mord an besagter Edith Grant zu tun bekommen. Hier habe ich mich gefragt, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, die Geschichte etwas umzustellen, denn ein Holmes, der in einen Zug einsteigt, in dem ein Mord stattfindet, das wäre eine Steilvorlage auch für den „Original – Holmes“. Er hätte auch einfach am selben Bahnsteig stehen können und wäre dann auf den Mord aufmerksam geworden. Alles weitere hätte man dann durch Vernehmungen und – teils dargestellte – Untersuchungen des Tatortes herausfinden können.

Fazit

Mir ist klar, dass man sich als Schöpfer neuer Holmes – Geschichten immer wieder herausgefordert sieht, frischen Wind in die Handlung zu bringen. Aus meiner Sicht sollte aber auch das im Rahmen bleiben. Tja, manchmal kann es einem im Weg sein, wenn man „zu viel“ weiß. Und so ist es für mich dieses Mal in Bezug auf mein Wissen um Sherlock Holmes und diesem Hörspiel, welches, aus dem „puristischen Kontext“ gelöst, nach wie vor ein sehr schönes Hörspiel ist.

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