Ritter!
Ritter von Playmobil gibt es schon lange. Am Anfang, in den 1970ern, war die Mittelalterwelt von Playmobil weniger opulent, aber bodenständiger als heute. Sie wirkte „real“. Das war ja gerade das Besondere an Playmobil: Sie machte verschiedene Welten aus der Vergangenheit und Gegenwart für Kinder erlebbar.
Mode, Geschmäcker, Strömungen aus der Kinowelt und Massengeschmack haben in heutiger Zeit einen enormen Einfluss auf eine Marke, die um ihr Überleben kämpft. Dabei stellt sich nicht nur die Frage nach der inhaltlichen Ausrichtung, sondern auch nach dem Zielpublikum. Denn längst ist Playmobil nicht mehr „nur noch“ für Kinder. Die Kinder von einst, heute zwischen 50 und Rentnerdasein, erlaubten sich heute die Träume von einst, mit einer – im günstigen Fall – pralleren Geldbörse als seinerzeit.
Notre Dame!
Playmobil scheint dies nur teilweise realisiert zu haben. Immerhin gibt es etwas detailliertere Piratensets, aber es fehlt seitens Playmobil vielleicht etwas an Entschlusskraft, während es u. a. Fans gibt, die sich mit dem eigenen 3D-Drucker die komplette Notre Dame Kirche aus Paris erstellen u. a.
https://www.instagram.com/reel/DRH8w6MDLIy/
Gute alte Zeit (die Serie von 2014)
2014 erschien jedenfalls die „Königsburg der Löwenritter“, die ich hier auch seinerzeit vorstellte. Eine durch und durch klug entworfene Ritterburg. Was gab es da nicht alles? Ein gold-blaues Eingangstor, eine Zugbrücke im Inneren, Falltüren, einen versteckten Schatz, einen Stall, ein Haus mit zwei Wohnbereichen, Türme, ein Verlies und Fallgitter. Das Rundum-Sorglos-Paket für angehende Ritter und – überraschend – sowohl für erwachsene Mittelalter- und Fantasyfans ein toller Entwurf als auch für Kinder!
Die Knights-Reihe war seinerzeit aber sowieso sehr geschickt in Szene gesetzt worden. Einerseits gab es da u. a. die Löwen- und Falkenritter als „Rivalen“ bzw. „Gut und Böse“, doch wer ein wenig Märchen- oder Sagenwelt spielen wollte, der erhielt auch wehrhafte Zwerge mit eigener fahrender Festung, Trolle und sogar einen grünen Drachen für die Höhle unter der Burg (oder den anliegenden Wald).
Der Werbefilm seinerzeit zeigt den ganzen Charme jener Epoche und auch u. a. die leider nie in der Realität umgesetzte Turnier-Tribüne der Löwenritter:
Novelmore – genial, aber eine Durststrecke für Mittelalterfans
Dann kam Novelmore. Eine Reihe, die – weitab vom geerdeten Original-Playmobil – eine „hippe“ Fantasywelt im Ritterstil erdachte und sowohl ins Fernsehen als auch in die Regale der wenigen verbliebenen Spielzeugläden brachte. Das Internet beraubt zunehmend die Kinder leider des besonderen Flairs eines Bummels durch einen wirklich großen, gut sortierten Spielzeugladen, aber naja, ich werde nostalgisch 😉
Novelmore war eine liebevoll inszenierte Spielwelt, die in vielerlei Hinsicht typische Ritterzeit-Motive zitierte, dabei jedoch jegliche Epochen vermengte. Wer die Spielwelt mochte, kam auf seine Kosten. Wer den letzten Ritterfilm nachspielen wollte, konnte das mit diesem Set schlicht nicht, weil: Das hatte nichts mit Rittern im romantischen oder historischen Kontext zu tun!
Knights – Recycled: Aufstieg oder Niedergang einer neuen Epoche
Wir schreiben das Jahr 2026 und die „Knights“-Reihe von einst wird, mit leicht aufgepepptem Design, fortgesetzt. Aber etwas ist anders als damals! Während man damals großen Ideenreichtum einbrachte, ist die 2026er-Knights-Reihe größtenteils so eine Art „Recycling“, eine Wiederverwertung früherer Bausätze. Sie erhielten einfach neue Farben und das war es.
Die neue Ritterburg (72112) hat auf den ersten Blick durchaus den Charme der glänzenden 2014er-Reihe, doch auch sie wirkt – bei näherer Betrachtung – viel kleiner und weniger beeindruckend. Vergleicht man die Königsritterburg (6000) mit der „großen“ Löwenritterburg (72112), ist klar zu erkennen, dass gespart werden muss(te). Sie bringt vielleicht 1/3 oder maximal die Hälfte an Baumaterialien als jene damals, doch preislich nehmen sie sich gar nicht so viel! Nur 10 EUR trennen sie voneinander, jedenfalls UVP, aber der Preis purzelt verständlicherweise. Sieht man sich die relativ kleine Burg der Falkenritter von einst an, könnte man meinen, die neue „große“ Löwenritterburg wäre ihr großer (oder kleiner) Bruder.
Aber noch etwas ist zu bemängeln: Während alle SpielerInnen da draußen sich damals entscheiden konnten, ob sie die Fantasywelt der Trolle und Zwerge in ihre romantisierte Ritterwelt lassen, geht nun kein Weg drumherum. Der Löwe, auf dem der König der Löwenritter reitet, 72212, wirft vielleicht nicht den König ab, aber jenen Teil der Playmofans, die es realistischer mögen.
Manchem ist vielleicht auch aufgefallen, dass die neue Fraktion der Drachenritter in der Hälfte eines Bauwerks wohnen, das schon einmal – anders angemalt – auf den Markt kam: Playmobil 4835 und 4836 und wer sich das ansieht mag ahnen, was bei den Knights noch folgen könnte.
Die Drachenritter zwingen der Mittelalterwelt ihre Drachen auf, was an sich sogar cool sein könnte, hätte man die Drachen liebevoller – und vor Allem neu! – entworfen. Recycling, Recycling…
Letzte Gedanken und eine Hoffnung
Aber, ach, ich will nicht weiter „mekeln“. Ich bin ja erstmal froh, dass es die KNIGHTS endlich wieder (wenn auch etwas ermogelt) in die Reihe der Neuerscheinungen gebracht haben.
Die Hoffnung, dass die Turniertribüne oder andere, eher mittelalterliche und / oder NEUARTIGE Sets in der Reihe erscheinen, hat wieder Nahrung gefunden. Ein mittelalterliches, von den Drachen gepeinigtes kleines Dorf etwa, eine Zwergenmine (ohne jene aus dem wilden Westen zu recyclen ;)), „die Höhle des Zauberers“ in Anlehnung an Merlin oder andere, bewährte und kreative Ritterwelt – Ideen können nun wieder das Licht der Welt erblicken. Zumindest gibt es wieder eine Chance dafür.
Wenn alte Sets neu verwendet werden, wirkt das aber nach Sparnotstand, und dass es wirtschaftlich bei Playmobil leider nicht so sehr gut aussieht, ist ja bekannt (immerhin musste das letzte Werk in Deutschland schließen!).
Wäre ich Ideengeber bei Playmobil, würde ich raten, auch für die Kinder erwachsenere Sets zu entwerfen. Playmobil nahm Kinder immer ernst. Ich denke, es muss kein Notre Dame sein, aber eine Burg, die so schön ist wie die alte Königsritterburg, nur mit mehr Details und Realitätssinn, würde dem geerdeten Stil der 1970er so gerecht werden wie den Fans aller Generationen in unserer Zeit – von Klein bis Groß und umgekehrt. Das könnte eine Rückbesinnung sein auf die Anfänge von Playmobil – als Kinder plötzlich entdeckten, dass sie in der „Haut“ einer 7cm großen Figur Abenteuer erleben können, die sich wirklich echt anfühlen!
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