Eine Sherlock Holmes Weihnachtsparodie

Das Geheimnis der schwarzen Witwe

eine Sherlock Holmes Weihnachtsparodie

von Matthias Wieprecht 

Ich muss gestehen, dass meine Nerven noch lange nach dem zweiten afghanischen Krieg angeschlagener waren als es mir lieb gewesen wäre. So gab es Zeiten, in denen mich die Schrecken jener grausigen Epoche meines Lebens einholten, was sich in Alpträumen in der Nacht und einer geschwächten Konstitution am Tage bemerkbar machte. Sherlock Holmes begann mir jedoch schon damals, am Anfang unserer Freundschaft, langsam zu einem Anker zu werden. An seinen Fällen teilzuhaben, wurde mehr und mehr Sinn meines Lebens, neben meiner später gut florierenden Praxis.

Es war kurz nach einer jener Phasen nervlicher Schwäche und zudem noch sehr kurz vor Weihnachten als ich eines Abends aus einem bitterkalten Schneegestöber kommend, in das heimleige Wohnzimmer unserer gemeinsamen Behausung trat.

Bald schon gönnte mir ein Glas Sherry, legte meine Beine hoch und nahm mir den Roman, der an meinem Platz vor dem Kamin auf dem Beistelltisch lag. Sherlock Holmes saß mir mit geschlossenen Augen gegenüber und döste vor sich hin. Ich begann darüber nachzusinnen, wie es einfache Freuden vermögen, das Leben doch nahezu perfekt zu machen. In der Tat waren nicht Reichtümer, sondern solche Augenblicke wie hier, die das Leben lebenswert machten. Ich Empanada Dankbarkeit für die friedliche Ruhe, dafür, fernab von jeglichem Kriegsgetümmel und den Schreien verletzter Kameraden, verwöhnt im warmen zu sitzen, während der kalte Ostwind gegen unsere Scheiben drückte. Ich seufzte wohlig – und wurde mir – überrascht! – des Kopfschüttelns von Sherlock Holmes gewahr, der mit halb geöffneten Augenlidern begann zu sprechen:

Sie sind ein Romantiker, Watson, das steht einmal fest“, sagte er. „Aber“, dabei entzündete er seine Pfeife, „ich finde es hier auch viel gemütlicher als da draußen. Speziell seit Mrs. Hudson Holz aufgelegt hat. Bevor sie fragen: Ich folgte ihrem Blick, auch, wenn sie mich schlafend wähnten und außerdem kenne ich sie ein wenig. Das hat für die Folgerungen gereicht, dass sie gerade im Gedanken die Behaglichkeit unserer Wohnung preisen.“

Nun, dann ist es wohl so. Doch hat das nichts mit Romantik zu tun.“ stellte ich nüchtern fest und blickte etwas brüskiert zum Fenster, vor dem der Schnee in Massen vom Himmel segelte. Unvermittelt dachte ich an Jane Combridge, weil ihr kleiner, anmutiger Schattenriss zwischen Fenster und Sekretär meine Aufmerksamkeit erregte. Jane war einst meine Verlobte gewesen. Eine Krankheit hatte sie viel zu früh aus meinem Leben gerissen, was mich dazu veranlasst hatte, mich Hals über Kopf in den Krieg zu stürzen. Unreife der Jugend! Vor meinem inneren Auge dachte ich an gemeinsame Picknicks und Wanderungen, die wir unternommen hatten. Im Gedanken an Jane flammte in mir abermals der Wunsch nach einer Frau auf. Wie hätte ich ahnen können, dass sie mir in Gestalt von Mary Morstan schon so bald begegnen würde?

Und wieder schüttelte Holmes mürrisch den Kopf.


„Einer Frau doch wohl nicht?“


Ich setzte mich auf.


„Wieso eigentlich nicht?“ antwortete ich und fragte mit Absicht nicht danach, wie er schon wieder meine Gedanken erraten hatte. Damals glaubte ich noch, dass er oft rät. „Was haben sie gegen die Vorstellung einer schönen Beziehung, vielleicht sogar einer Ehe? “

Och, nichts, eigentlich. Nur … ich dachte, sie wollten Ruhe und Frieden? Natürlich sehen viele Frauen bezaubernd aus mit ihrem Lächeln und ihrem ganzen Erscheinungsbild. Nüchtern betrachtet sind Frauen in der Regel äußerst verschlagen. Jedenfalls ist das meine Erfahrung. Tun sie, was sie wollen. Was mich betrifft: Dieses Kapitel in meinem Leben ist erledigt.“


Sherlock Holmes all zu schlechte Meinung den Frauen gegenüber wurde mir im Laufe der Zeit zur Selbstverständlichkeit, da ich ihn immer besser kennenlernte, doch am Anfang brachte er mich damit oft zur Weißglut. Dieses Mal ignorierte ich seine abfälligen Bemerkungen absichtlich, da er mich neugierig gemacht hatte. Würde er mir aus jenem „erledigten Kapitel“ seines Lebens berichten? Das fragte ich mich. Abermals erkannte er, was in meinem Kopf vor sich ging. Er konnte in meinem Gesicht lesen wie in einem Buch.

Einem Bilderbuch!“, setzte er schlecht gelaunt hinzu. „Und was ihre Frage angeht: Eher würde ich nackt den Tower besuchen.“

Ich bin empört!“ erklärte ich und wandte mich mit einer Geste der Erschütterung meinem Buch zu, das ich leider falsch herum hielt. Holmes überging dies mit einem kurzen Lächeln, das über sein Gesicht huschte. Beide schwiegen wir uns aus, während ich mich meinem Roman zuwandte und Sherlock Holmes an seiner Pfeife zog, bis der Big Ben in der Ferne Mitternacht schlug.

Holmes zog seine Uhr aus seinem Morgenmantel und erklärte:

Das war natürlich nur ein Scherz.“

Was meinen sie?“ fragte ich.

Ich würde nie nackt den Tower besuchen!“ erklärte er, aber ich blieb unversöhnlich, starrte weiter Seite 49 meines Romans an.

Ach, Watson, sie sind doch mein Boswell!“ entfuhr es ihm nun.

Ich fühlte mich natürlich geschmeichelt, aber wenn es sein Ziel gewesen war abzulenken, würde ich ihm dieses Mal die Suppe versalzen. Es war mein fester Vorsatz, eine Antwort zu erzwingen. Warum ich mich darin so sehr verbissen hatte, wurde mir erst viel später klar. In jener Zeit unserer Freundschaft schaffte es Sherlock Holmes sehr oft, mir das Gefühl zu geben, ziemlich, wie soll ich es sagen, minderbemittelt zu sein. Ich musste erst noch die wahre Größe seines Geistes kennenlernen, um zu bemerken, dass so ziemlich jede Person in seiner Gegenwart ziemlich dämlich erschien. Damals wollte ich ihn von seinem Podest zu uns normalen Menschen, speziell jedoch zu uns normalen Männern, herunterziehen. Der Grad, in dem selbst die schönste Frau für ihn reizlos zu sein schien, machte mich geradezu sprachlos.

Ich bin ihr Boswell, schön. Wenn ich schon ihr Biograph bin, erzählen sie es mir. Wie kommen sie darauf, Frauen seien verschlagen? Waren sie selbst einmal verliebt? Es fällt mir schwer, mir das vorstellen zu können. Dennoch… warum eigentlich nicht? Na…? Na….? Was ist ihre Antwort?“, stichelte ich.

In diesem Moment vernahmen wir im Treppenhaus Stimmengewirr. Mrs. Hudson hatte jemanden eingelassen. Als wir die schweren Schritte vernahmen, seufzte Holmes.

Gott sei Dank, Lestrade!“ rief Holmes unangemessen erleichtert aus und sogleich trat der Inspektor mit dem Frettchen – Gesicht, roten Wangen und zutiefst von der Kälte dieses schauerlichen Wetters durchzogen, ein. Ich kredenzte ihm einen Weinbrand, den er in einem Zug austrank. Dann lies er sich auf das Sofa fallen und stöhnte:

Warum muss ich ausgerechnet heute Dienst haben?“

Was meinen sie mit „ausgerechnet heute“?“ fragte der Detektiv und ich folgte meinem Vorsatz, ihn nicht daran zu erinnern, dass wir uns am Anfang des ersten Weihnachtstages befanden. Holmes übersah Feste jeglicher Art.

Watson“, hatte er einmal gesagt, „wozu soll ich meinen Geist mit Weihnachten oder Ostern belasten? Welchen Zweck hätte das?“

Inspektor Lestrade konnte es kaum glauben, dass Holmes so ahnungslos war.

Welchen Tag wir haben? Diese Frage ist nicht ernst gemeint? Oder? Doktor?“ fragte der Inspektor mit hochgezogenen Augenbrauen unter seiner von tauendem Schnee bedeckten Melone.

Doch, doch!“, bestätigte ich. „Er hat wirklich keine Ahnung, was für ein Tag das ist!“

Oh!“ sagte Lestrade nur und schaute zwischen Holmes und mir hin- und her, bis Holmes, nach näherer Begutachtung des Inspektors, eben diesen fragte:

Mein Gott, Lestrade, warum wollen sie mir ein Geschenk machen? Warten sie, mein Geburtstag ist nächsten Monat. Ich wüsste nicht, was… Haben wir…“

Dann sah er mich mit großen Augen an.

„…Weihnachten?“

Frohe Weihnachten, Holmes!“ sagte ich. „Fangen sie jetzt aber nicht wieder an zu diskutieren, wie sinnvoll es ist, sich so ein Fest zu merken…!“

Lestrade zog eine Schachtel unter seinem weiten Mantel hervor, gemeinsam mit einem Briefumschlag.


„Frohe Weihnacht ihnen Beiden!“ sagte er, gab mir die Schachtel und Holmes den Umschlag.

In der Schachtel befanden sich köstliches Konfekt, während Holmes sich über einige Papiere sehr zu freuen schien.

Sind es etwa die Originale?“ fragte er erfreut.

Nein, aber genaue Kopien, wie sie sie damals haben wollten, Holmes. Und kein Wort davon! Wenn Warren davon erfährt, bin ich meine Stelle los!“

Sherlock Holms einmal so vergnügt zu sehen, hätte ich nie erwartet. Wie weggeblasen waren seine misanthropischen Allüren. Mit frohen, geröteten Wangen schüttelte er Lestrade die Hand und bedankte sich überschwänglich.

Sehen sie doch; Watson, sehen sie! Alle Papiere, die mir im ungelösten „Johnson-Fall“ noch fehlten!“

Johnson Fall?“ fragte ich.“

Das ist streng geheim, Doktor Watson“, erklärte Lestrade, „sagen wir, es ist ein alter, ungelöster Fall. Holmes half uns damals sehr, aber wurde nach dem Abschluss von ihrer Majestät in keiner Weise mehr aufgeklärt, wie er ausging.“

Weil die Auflösung das Königshaus in ein schlechtes Licht gerückt hätte!“ rief Holmes. „Ich wette immer noch, dass eine gewisse Person aus erlauchten Kreisen sich in den nächsten Jahren als Massenmörder in Whitechapel einen Namen machen wird. Sollten meine Theorien stimmen, Lestrade, dann denken sie an meine Worte, wenn es los geht!“

Sagen sie das nicht zu laut!“ klagte Lestrade, offenbar um seine Stelle bangend.

Meine Lippen sind versiegelt!“ versprach der Detektiv.


„Nun“, sagte ich, ich habe auch noch eine Kleinigkeit für …. sie Beide. Für sie, Lestrade, einige literarische Versuche, einen historischen Roman über Napoleon zu schreiben. Es wird vermutlich nie Beachtung finden, aber ich denke, es könnte ihnen gefallen. Constable Masterson meinte, sie würden sich privat für Historie interessieren! Und für sie, Holmes… ja, für sie habe ich auch etwas.“

Ich schenkte ihm ein altes Buch über Morde im antiken Griechenland. Auch darüber freute er sich maßlos, wobei die Johnson-Papiere ihn mehr zum Schwelgen brachten als es eine ganze Garnison Bleisoldaten bei einem Kind vermocht hätte.

Lestrade war von meinem Geschenk sichtlich berührt. „Woher wussten sie, dass ich hier her käme?“ fragte er.

Ebenfalls der Constable Masterson. Der meinte, sie würden auf ihrer Route mit Sicherheit hier einkehren, wenn noch Licht wäre.“

Lestrade lächelte in sich hinein. „Da ist wohl ein Constable auf eine Beförderung aus.“ Er lachte laut aus und blätterte interessiert in meinem Manuskript, das ich ihm geschenkt hatte.

Holmes sah plötzlich verlegen aus.

Ich habe so gar nichts für sie beide. Weihnachten vergesse ich immer, wie sie wissen, Watson. Schon meine Eltern hielten es mit Weihnachten eher …. sagen wir bescheiden. Aber“, wandte er sich an Lestrade, „sie haben in der Vergangenheit öfter angedeutet, dass sie gerne einmal ein paar Stücke von meine Geige hören wollten. Zwei, drei Weihnachtslieder vielleicht?“

Das wäre ganz ausgezeichnet!“ antwortete der Inspektor und rieb sich die Hände. „Aber geht das um diese Zeit? Mrs. Hudson…“

„…wird das nichts ausmachen. Sie ist ja selbst noch wach!“

Dann nehme ich ihr Geschenk liebend gerne an!“ sagte Lestrade. Holmes öffnete sogleich seinen Geigenkasten als ich (etwas keck) einwarf: „Ich wüsste auch, was ich mir wünsche.“

Holmes Augen blitzen kurz auf, wurden dann aber schnell sanftmütig.

Also gut, ich werde ihnen von der einen Frau erzählen, die mich so dermaßen um den Verstand brachte, dass ich um ein Haar ihr Opfer geworden wäre. Sie können den Fall als „Der Fall der schwarzen Witwe“ bezeichnen.“

„Eine grandiose Idee“, antwortete ich.

Nein, viel zu dramatisch. Das war doch bloß ein Scherz!“, antwortete Holmes, „außerdem soll davon nie jemand erfahren. Meinetwegen können sie in ihrem Testament vermerken, dass diese Geschichte im Jahre … 2017 veröffentlicht werden darf, aber nicht zu meinen Lebzeiten!“

Zweitausendsiebzehn“, lachte Lestrade in sich hinein. „Da wird sich kaum noch jemand an uns erinnern, meine Herren.

In diesem Augenblick erschien Mrs. Hudson mit einem Plumpudding in der Tür.

Es ist noch sehr spät- oder früh, aber hat jemand Interesse an einem Christmas-Pudding?“

Aber ganz und gar nicht!“ rief ich. „Sie sind ein Engel, Mrs. Hudson.“

Sie errötete mädchenhaft.

Haben sie noch etwas Weinbrand, Doktor?“ fragte Lestrade.

Der Pudding roch außerordentlich lecker. Ja, unsere alte schottische Hauswirtin wusste uns schon zu verwöhnen!

Mrs. Hudson, wollen sie nicht bleiben und zuhören, wenn Mr. Holmes gleich einige Weihnachtslieder spielten wird?“ fragte ich sie und sie nahm diese Einladung gerne an.

Wir aßen, unterhielten uns, lachten und lauschten schließlich weiterer Musik von Holmes. Als wir danach satt und noch zufriedener in unseren Sesseln und auf dem Sofa Platz genommen hatten, erinnerte sich Holmes des Versprechens, das er mir gegeben hatte.

Er trank einen Zug aus seinem Sherry – Glas (er bevorzugte Sherry dem Weinbrand) und sah gedankenverloren in das lodernde, knisternde Feuer unseres Kamins als er begann zu erzählen.

Ich wohnte noch in der Montague – Street. Meine Wohnung war klein, aber erfüllte ihren Zweck. Schon damals forschte ich zeitweise im Labor des Bartholomew Hospitals. Eines Tages klopfte es an der Tür meines Untersuchungsraums, in dem ich mich gerade über ein Experiment beugte, dass nachweisen sollte, wie sich Eisen im geschmolzenen Zustand verhält, wenn es mit Blut zusammentrifft. Vor mir stand unerwartet eine, ja, wunderschöne Frau. Tja, Watson, ihre „Denkmaschine Holmes“ hatte auch einmal solch großzügige Gefühle gegenüber dem anderen Geschlecht. Sie hatte langes, braunes Haar und ein Feuer in ihren Augen – das es mir völlig unmöglich machte, meinen Blick von ihr zu wenden. Sie hatte mich schon in ihrer Hand, auch, wenn ich mir das nicht eingestehen wollte.“

„So? Und mit welchem Anliegen kam sie zu ihnen?“ fragte Lestrade. „Welches Verbrechen sollten sie für die Dame aufklären? Mord, Raub oder etwa Erpressung?“

Oh nichts der Gleichen, guter Inspektor. Sie hatte etwas gänzlich anderes im Sinn. Sie hatte sich in das Labor geschlichen, weil es eigentlich nur Männern zugänglich ist. Nun wollte sie, dass ich ihr dabei behilflich war, eine Ausnahme von dieser Regel zu werden. Ich fragte sie, wie ausgerechnet ich das tun könne und sie erklärte, sie sei davon überzeugt, das ein Mann wie ich, mit meiner Intelligenz, sicher etwas einfiele. Da begann ich mich zum Narren zu machen, Watson, wie ein Mann sich nur zum Narren halten lassen konnte. Ich erlaubte ihr, sich zeitweise in Zukunft für mich auszugeben. Ich war damals sehr empfänglich für Komplimente. Später erst erkannte ich, dass man neutral und objektiv bei der Beurteilung von Allem bleiben sollte.“

Ich räusperte mich. Holmes sah mich verdutzt an.

Oh ja, ich schweife ab. Ich erklärte gerade, dass sie sich für mich ausgeben wollte. Wie anziehend sie auch war, hätte sie mich doch nie dazu gebracht, ihr in solch frapanter Weise zu helfen, wenn sie mich nicht in ein faszinierendes Gespräch über Eisen im Blut und die Wirkung von Schnecken… egal, sagen wir: Sie war äußerst intelligent und ich hätte es als Vergeudung von Talent angesehen, wenn ich ihr nicht geholfen hätte, ihre Forschungen zu betreiben. Also verkleidete sie sich und wurde zu meinem Double sozusagen.“

Aber das hätte man doch sicherlich bemerkt!“ meinte Mrs. Hudson und nahm mir mein Wort aus dem Mund, denn genau dies wollte ich auch bemerken.

Damals entwickelte ich die Fähigkeit der Verkleidung, in der ich immer besser wurde. Menschen hatte ich immer schon beobachtet, aber als sie zu mir kam und mich bat ihr dabei zu helfen, im Labor ihre Forschungen betreiben zu können, willigte ich ein und lernte, was es zu lernen gab, um sie perfekt und schnell in mich zu verwandeln. So teilten wir uns das Labor unter der Woche. Ihre Verkleidung war überzeugend, glauben sie es mir. Da ich zudem ohnehin eher ein wortkarger Mann war, schon damals, kam es auch zu keinen Gesprächen, in denen meine – also ihre – viel höhere Stimme aufgefallen wäre. So ging das tagelang, ohne das es jemandem auffiel.“

Das war sehr galant von ihnen, Holmes, das muss ich sagen.“ meinte Lestrade und stopfte sich noch ein Stück Plumpudding in den Mund. Wie ging es aber weiter?“

Holmes nahm einen Zug aus seiner Pfeife. Dann erzählte er weiter. „Diese Dame und ich – wir hatten mehr gemeinsam als nur unsere Liebe zur Wissenschaft. Sie vermochte es, mich zum Lachen zu bringen. Es gab manch alberne, aber ungeheuer witzige Momente, wenn ich ihr half, sich in meine Person zu verwandeln. Dies geschah immer in meiner Privatwohnung.

Eines Tages kam es auch tatsächlich zu einem Kuss zwischen uns. Kurz bevor sie ging, küsste sie mich und sah mir ernst in die Augen. Diesen Blick habe ich bis heut enicht vergessen.

Einen Tag später, ich war wieder persönlich im Labor, wunderte ich mich, denn ich stellte im Labor fest, dass sie offenbar ein neuartiges, schnell wirkendes Gift hergestellt hatte. Das erkannte ich an den Überresten in der Petri-Schale und im Erlenmeyer-Kolben. Ich wollte sie zur Rede stellen, aber sie war spurlos verschwunden! Bevor ich diesbezüglich meine Untersuchungen beginnen konnte, stand plötzlich ein Inspektor von Scotland Yard vor meiner Tür in der Montague Street. Ich wäre ein Mörder, hieß es.“

Wie war sein Name?“ wollte Lestrade wissen.

Finlayson war sein Name. Ein kleiner, untersetzter Mann. Ire, wenn ich mich richtig entsinne.“

Ah gut, den kenne ich in der Tat nicht. Ist wohl schon zu lange her.“ sagte Lestrade.

Ich bekam einen Anwalt, um den sich Mycroft kümmerte. Offenbar sei ich regelmäßig im Labor gewesen und hätte das Gift selbst hergestellt, hieß es. Außerdem wäre ich gesehen worden, wie ich im Eaton Place in ein Haus gestiegen sei und in der Küche eine Mahlzeit vergiftet hätte. Allerdings sei ein Butler darauf aufmerksam geworden und hätte auf mich geschossen, mich aber verfehlt. Das Essen wurde untersucht. Das Gift enthielt Wirkstoffe, wie sie nur in großen Krankenhaus-Laboren vorkommen und in dieser Zusammenstellung nur in „meinem“ Labor. Es wurde jemand gesucht, der, neben Ärzten und Wissenschaftlern, Zutritt zu diesen Orten hatte. So kam man auf mich. Die Polizei hatte schlechte, aber für ihre Verhältnisse ganz passable Arbeit geleistet und war zur falschen Schlussfolgerung gekommen.“

„Das ist ja unglaublich!“ riefen Lestrade und ich gleichzeitig.

Niemand glaubte meiner Version der Geschichte, dass sie eine Frau suchen, die sich wie ich verkleidet hatte. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken und da ich im Gefängnis saß, konnte ich auch nicht das Gegenteil beweisen. Ich kam vor Gericht, mir wurde der Prozess gemacht. Der Grund für die Härte der Strafe hatte wohl damit zu tun, dass das „Opfer“ ein recht mächtiger Regierungsmann gewesen wäre. Vorausgesetzt, er wäre vergiftet worden und sie wäre nicht erwischt worden. Eine Nacht vor meiner Hinrichtung saß Mycroft bei mir in der Zelle und versuchte mich aufzumuntern.

Im Angesicht des Todes erkannte ich, wie gefährlich es war, seinen Emotionen zu erlauben, die Oberhand zu gewinnen! Erstaunlicherweise jedoch erhielt die Polizei von der gesuchten Dame ein Schuldbekenntnis zugesandt, welches letztlich für meine Freilassung sorgte. Zugegebenermaßen hatte Mycroft allerdings auch schon einen gewissen Einfluss in der politischen Szene. Dieses Bekenntnis war der Strohhalm, auf den er gehofft hatte, um seine Beziehungen spielen zu lassen. Jetzt wissen sie es, Watson, warum ich stets bestrebt bin, frei von Gefühlen zu bleiben. Nur ein besonnener Mann kann besonnene Schlussfolgerungen ziehen!“

Das Feuer im Kamin knisterte und für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Niemand sagte ein Wort. Ich räusperte mich.

„Holmes, warum haben sie denn nie darüber gesprochen?“

Emotionen sind nicht meine Freunde, Watson. In allem, was logisch erklärbar ist, finde ich meinen Trost in dieser düsteren Welt des Scheins.“

Außer dem Knistern des Feuers im Kamin war nichts zu hören. Niemand sagte ein Wort, bis Holmes die unerwarteten Worte sprach: „Wenn ich mich hier jetzt so umsehe, muss ich den klaren Schluss ziehen, dass ich dennoch kein einsamer Mann bin.“

Sherlock Holmes erinnerte sich fortan jedes Jahr an Weihnachten und bestand darauf, dass wir uns – wie erstmals an jenem Abend – trafen, um miteinander ein paar fröhliche Stunden zu verbringen.

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2 Kommentare zu Eine Sherlock Holmes Weihnachtsparodie

  1. Susanne sagt:

    Hallo Matthias!
    Deine Parodie gefällt mir sehr gut. Du hast den Stil gut getroffen und die Geschichte wunderbar weitergesponnen…. Ich würde gerne mehr Fan-Fiction von Dir lesen.
    Herzliche Grüße
    Susanne
    P.S. Wir haben eine gemeinsame Freundin

    • Matthias Wieprecht sagt:

      Vielen Dank für das Kompliment 🙂 Ich gehe leider nicht all zu sorgsam mit meinen Geschichten um. Der Blog soll das nun ändern. Hm. Ich muss wirklich mal darüber nachdenken, vielleicht finde ich noch was, was ich hier mal online stellen könnte, damit Du es lesen könntest – oder so. Wer ist unsere gemeinsame Freundin? 🙂

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